Jetzt sollen Motorradfahrer auch noch Rücksicht nehmen

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Überall in den Medien fordern Motorradlobbyisten Rücksicht ein zum Saisonstart. Baden-Württemberg leistet sich einen eigenen Lärmschutzbeauftragten – und der dreht den Spieß um: MdL (Grüne) Thomas Marwein ruft Motorradfahrer jetzt zum Sainsonbeginn zur Rücksichtnahme auf. Zahlreiche Beschwerden zeigen seiner Meinung nach: Motorrad-Lärm habe wenige Verursacher, aber viele Betroffene.
„Es gibt zwei maßgebliche Ursachen für diese vermeidbare Lärmbelastung“, so Marwein. „Zum einen ist es die persönliche Fahrweise der Fahrerinnen und Fahrer. Starkes Beschleunigen und hochtouriges Fahren sind laut und unnötig. Moderne Motoren und Getriebe ermöglichen es, auch bei großem Fahrspaß leise zu sein. “ Die zweite Hauptursache sind illegale Manipulationen an den Motorrädern. Einigen Fahrerinnen und Fahrern ist der Sound ihrer Maschinen zu wenig. Mit verschiedenen Tricks, wie zum Beispiel Klappenauspuffen, kann eine ohrenbetäubende Lautstärke erreicht werden. „Solche Manipulationen gehen zu Lasten der Mitmenschen. Sie sind außerdem illegal, führen zum Erlöschen der Betriebserlaubnis und werden entsprechend geahndet“, erläuterte Marwein. Herrn Marwein kann man nur zurufen: Wenn es nur um die Illegalen ginge! Die meisten Lärmer haben heute eine Zulassung und die Industrie umgeht die Zulassungsnormen systematisch.
„Unter den Motorradfahrerinnen und Fahrern gibt es eine Minderheit, die sich vollkommen rücksichtslos verhält. Die wenigen, die es tun, belästigen damit aber eine Vielzahl von Menschen. Ich wünsche mir, dass sich die Mehrheit der Motorradfahrer dafür engagiert, ihre lauten Kolleginnen und Kollegen auf die Konsequenzen ihres Handelns hinzuweisen und ein Umdenken zu bewirken.“ Auch wir reden von einer Minderheit – wobei 30 Prozent eine starke Minderheit ist, die jeden Hotspot zum kochen bringt.
Auch die Politik nehme sich dem Problem an.Die Vorschriften zur Genehmigung von neuen Motorradmodellen wurden zuletzt zum 1. Januar 2016 verschärft. Dazu kann man nur bemerken: leider ohne nennenswerte Wirkung, wie Marweins Ministerium in einem Feldversuch mit TÜV auf dem Flugplatz Lahr selbst untersuchte. Die Badische Zeitung titelte seinerzeit: „Auch die neuen Zulassungsnormen sind schon wieder eine Farce…“
Neben einer (ausstehenden) rechtlich-regulatorischen Lösung gehe das Ministerium für Verkehr mit der Motorradlärm-Displayanzeige parallel einen neuen Weg. Ziel ist es, die Motorradfahrerinnen und Motorradfahrer auf zu lautes Fahren aufmerksam zu machen und zu leisem Fahrverhalten aufzurufen. Vorausgesetzt die Einsicht, dass ein Biker akustische Rücksicht nehmen will. Wo ihm/ihr der Sound doch so ans Herz gewachsen ist.

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13 Kommentare zu “Jetzt sollen Motorradfahrer auch noch Rücksicht nehmen
  1. Melwin sagt:

    Der Herr Marwein ist noch frisch im Amt. Netter Versuch an die Vernunft zu appellieren, wo es keine gibt. Einzig mit der Annahme, die Politik habe schon etwas erreicht, liegt er völlig daneben.

  2. Matthias sagt:

    Denn wir alle, die wir schon jahrelang dabei sind, wissen bereits, dass man mit guten Worten bei dieser Klientel nichts erreicht. Viel Erfolg, Herr Marwein!

    • Hans Bender sagt:

      Hans B.
      Die Polizei kann durchgreifen wird aber von der Politik (Lobby) daran gehindert:.
      Lärmschutz – Ruhestörung
      § 117 OWiG – Ordnungswidrig handelt, wer ohne berechtigten Anlass oder in einem unzulässigen oder nach den Umständen vermeidbaren Ausmaß Lärm erregt, der geeignet ist, die Allgemeinheit oder die Nachbarschaft erheblich zu belästigen oder die Gesundheit eines anderen zu schädigen. Dabei handelt es sich um verhaltensbedingten Lärm, zum Beispiel Geschrei, Maschinenlärm, Fahrzeuge, Musik aller Art usw. § 117 OWiG ist gegenüber anderen Vorschriftensubsidiär.
      Die Verwendung von Geräten und Maschinen, die naturgemäß Lärm verursachen, ist in der Geräte- und Maschinenlärmschutzverordnung explizit geregelt. § 7 Abs. 1 32.BImSchV besagt, dass derartige Geräte in Wohn- und Erholungsgebieten werktags in der Zeit von 7.00 Uhr bis 20.00 Uhr eingesetzt werden dürfen; an Sonn- und Feiertagen überhaupt nicht.
      Alle lauten Schalldämpfer genehmigt oder nicht ob am Motorrad oder Sport-/Personen-/Lastkraftwagen die so einen infernalischen vermeidbaren Lärm verursachen, der gegen alle Rechte verstößt können besonders geandet werden nach STVZO § 49 Geräuschentwicklung und Schalldämpferanlage
      (1) Kraftfahrzeuge und ihre Anhänger müssen so beschaffen sein, dass die Geräuschentwicklung das nach dem jeweiligen Stand der Technik unvermeidbare Maß nicht übersteigt.

      Wenn hier der Rechtsstaat sprich Polizei/Staatsanwalt/Gerichte/ Verwaltung nicht durchgreift, dann kann man schon von einer Bananenrepublik (Ausspruch von einem bayerischem Landespolitiker) sprechen. Alle Lärmgeplagten (50 % der Bevölkerung) müssen bei den nächsten Wahlen für einen Politikwechsel sorgen.

      • Jürgen sagt:

        Politikwechsel – wohin denn? Die nehmen sich ja leider alle nichts. In Berlin haben gerade fast alle Parteien einmütig für eine Anhebung der zulässigen Grenzwerte von „Freizeit“lärm gestimmt. Auch hier hat sich eine bestimmte Lobby durchgesetzt. Und diejenigen, die den anderen immer mehr Lärm vor die Füße kippen, wohnen wahrscheinlich selbst alle im ruhigen „Eigenheim“ in der verkehrsberuhigten Zone.
        „denn sie wissen nicht, was sie tun!“ …

  3. Frank sagt:

    Wenigstens hat BW einen Lärmschutzbeauftragten – in NRW gibt’s nicht mal das. Und wenn, dann ist der noch nie in Erscheinung getreten. Aber unsere Landesmutter gibt ja immer selbst den großen „Kümmerer“ … vielleicht „kümmert“ sie sich ja mal um Raser und Lärmer im Ruhrgebiet???

    Haha! Darauf können wir wohl lange warten…

  4. Hermann sagt:

    So nett die Aufrufe von Hrn Marwein auch gemeint seien, so wenig haben sie mit der Realität zu tun. Fakt ist dass sich die Motorradbestände seit 1990 verdreifacht haben, Tendenz weiter (stark) steigend. Rechtlich wurde den Motorrädern eine Lärmausnahmeregelung (Danke an alle Lobbyisten) zugestanden, die nicht nur den Motorrädern des Mehrfache an Schallleistung (=Lärm) zugestanden hat (gemessen am Auto) sondern diese auch nur in eng definierten Geschwindigkeitbereichen und Gängen. Ergo, außerhalb dieser Messbereiche ist alles erlaubt. Hersteller haben dies flugs genutzt um durch sogenanntes Sondmanagement die Phonzahl in den angegebenen Geschwindigkeitsbereichen abzusenken aber ausserhalb den Lärm zu optimieren (= maximieren). Und das alles völlig legal. Kein Wunder dass die Polizei machtlos ist.
    Gleichzeitig wurden die Motorleistungen immer weiter nach oben geschraubt die Motoren größer und die Motorräder immer breiter. Dadurch wurde der Raum um die Motoren der für Schallkapselungen hätte genutzt werden können immer weniger und heute ist es tatsächlich so, dass i.B. bei den lauten Modellen ( i.B. Italienische Hersteller und die Marke die Freiheit und viel Chrom verspricht) tatsächlich kein Platz mehr da ist um den Lärm einzudämmen.
    Jetzt wird der schwarze Peter wieder den Behörden zugeschoben und straßenbauliche Maßnahmen gefordert um die Bevölkerung zu schützen. Die Kosten trägt die Allgemeinheit und i.B. die Leidenden.
    Es stimmt auch nicht, dass nur „einige Motorräder“ zu laut wären, [URL=http://www.csu.de/common/csu/content/csu/hauptnavigation/verbaende/ortsverbaende/neukirchen_niederbayern/Ideenpapier2016.pdf]Messungen (siehe Seite 7)[/URL] zeigen deutlich dass Motorräder mehrheitlich lauter als Autos sind. Es lässt überhaupt tief blicken, dass kaum offizielle Messstastiken vorliegen (Die angegebene Messkurve wurden von Schüler des Anton-Bruckner-Gymnasium in Straubing gemacht). Im Land Baden-Württemberg wird schon seit Jahren mit Leitpfosten der Lärmpegel an beliebten „Rennstrecken“ erfasst, es gelang mir aber bislang nicht irgendwelche konkrete Aussagen über diese Messungen zu zu finden (ein Schelm wer Böses dabei denkt).
    Inzwischen ist es so dass das Problem nicht mehr nur in den Städten anzutreffen, sondern auch auf dem Land (Ich vermeide es inzwischen in Alpentälern auch fern der Straßen zu Wandern, der Lärm ist oft auch auf den Bergen Kilometer von der Landstraße entfernt unerträglich geworden).

    Da es mir unsinnig erscheint das ganze Europäische Straßennetz gegen Motorradlärm mit Lärmschutzwänden auszurüsten bzw. in Tunnel zu verlegen bleibt nur eine wirkliche Lösung: Eine klare Lärmschutzverordnung die den Geräuschpegel von Motorrädern auf das gleiche Niveau wie PKW’s setzt, unabhängig von Geschwindigkeit und Gangzahl.

    Natürlich wird bei solchen Forderungen gern die Keule des „Rechtsbestandes“ ausgepackt, dass also eine einmal erfolgte Typenzulassung nicht mehr entzogen werden kann. Wie die Debatte um (Diesel-) Autos in Innenstadtbereichen gezeigt hat, sind diese Gesetzte aber nicht in Marmor gemeisselt, i.B. wenn -wie hier- das Allgemeinwohl bedroht wird. Ein Weg dies durchzusetzen wäre den Gemeinden die Freiheit zu lassen eine maximal erlaubte dB-Zahl z.B. am Ortseingang anzugeben (wie eben bei Geschwindigkeiten auch), es obläge dann dem Motorradbetreiber sicherzustellen dass diese Werte in diesem (Orts-)Bereich nie überschritten werden. Messgeräte mit Blitzern würden dann ziemlich schnell wörtlich für Ruhe sorgen.

    Zu hoffen, dass ein Motorradfahrer der mehrere (zehn-) Tausend Euro für ein möglichst laut knatterndes Gerät ausgegeben hat, Selbtbeschränkungsappellen folgt ist ungefähr so als fordere man dem Marlboro-Mann auf das Rauchen einzuschränken. Es ist auch offensichtlich, dass Lärm ein Mittel zum Machtausdruck ist. Dass Gruppen wie „Hells Angels“, „Banditos“ oder Andere auf die grössten und lautesten Motorräder setzen ist kein Zufall. Lärmbeschränkungen würden auch hier schnell eine wohltuende Wirkung (und einen rechtlichen Hebel) ermöglichen.

    Zum Glück gibt es ja auch Lösungen für Motorradfahrer die wirklich nicht auf den Sound verzichten können. Man kann ja einen Tonaufnehmer direkt am Auspufftopf befestigen und über die Helmfreisprechanlage direkt ans Trommelfell weitergeben – ohne die Umgebung zu nerven. Ähnliches wird schon bei Sportfahrzeugen angeboten (kein Witz).

    Als damals das Rauchverbot in Kneipen durchgesetzt wurde war auch dass Jammern groß, aber mal ehrlich: Wer will den noch zum alten Zustand zurück ?
    Seitdem ist übrigens Frieden zwischen den Rauchern und den Nichtrauchern eingekehrt und ich denke dass Massnahmen wie die von mir oben genannten langfristig der Landruhe und dem Frieden zwischen Motorradfahrern und Anwohnern im wörtlichen Sinn dienlich wären.

    Im Klartext: Mit Motorradfahrern rumzustreiten bringt niemanden weiter, das Problem muss rechtlich gelöst werden.
    Anders gesagt: Es geht nicht um die Motorradfahrer sondern um die Motorräder.

    —————————————————————–

    Anmerkung: Ich bin selbst mit meinem Motorrad jahrelang quer durch Europa gefahren und überlege mir sogar mir wieder eins zuzulegen. Dazu brauch‘ ich aber keine 150 PS, und einen verchromten Auspufftopf.

  5. Frank sagt:

    Hallo Hermann,

    vielen Dank für diesen langen, sehr guten Beitrag!

    Ihre Idee mit den am Ortseingang auszuweisenden Maximalpegeln hat im letzten Jahr ein betroffener Bürger als Petition beim Bundestag eingereicht: Einrichtung regionaler Lärm-Umweltzonen. (https://epetitionen.bundestag.de/content/petitionen/_2016/_07/_12/Petition_66701.html)

    Die Petition befindet sich aktuell in Prüfung. Derweil bereitet ein Mitglied unserer regionalen Initiative eine neue Petition vor. Mehr dazu demnächst hier.

  6. Trey sagt:

    Ich hätte gerne eine leisere Abgasanlage an meinem Motorrad. Leider ist der Serienauspuff schon der leiseste. Und BMW sagt z.B., die Kunden wollen einen „guten“ Sound, und deswegen hätte man nichts anderes im Angebot.

    • Reto sagt:

      Da muss ich Ihnen recht geben – BMW schlägt serienmäßig Krach. Natürlich alles legal. Analog Diesel, Verbräuche, CO2…

      • Trey sagt:

        Und Klappenauspuffsysteme sollte man rückwirkend verbieten. Auch, wenn dann alle „Enteignung“ schreien…die Kfz-Steuer ist ja auch nicht auf ewig konstant. Eine reine Deaktivierung des Öffnungsmechanismus ist auch nicht mit großen Kosten verbunden. An evtl. Leistungseinbußen glaube ich nicht. Probleme mit dem Abgasdruck lassen sich durch Softwareupdate ganz einfach beheben.

        • Tobias N. sagt:

          Prima weiter so! Bin schon lange der Meinung: Klappen stilllegen! Immer ofgen fahren! Ihr seit echt die Härtesten

          • Andreas sagt:

            Soviel zu „Appelieren an die Vernunft“. Hier geht es nicht um die Vernunft, sondern um Komplexe und Frustabbau. Hier in Baden-Baden haben wir die B500, das bedeutet von Freitag bis Sonntagabend deutlich zu Laute Anlagen / Geschwindigkeiten im Minutentakt.

            Fahrspaß – ja. Aber nicht auf Kosten anderer Leute, um Frust oder Komplexe zu kompensieren.

  7. Maike sagt:

    „Ihr seit echt die Härtesten…“

    Nö. Wir sind nur diejenigen, die unter Eurer ständiger Körperverletzung leiden – jeden Tag, hunderte Male. Aber es gibt Hoffnung – wir halten nicht mehr still!!!

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