Die zu lauten EU-Zubehörauspuffe

Testberichte in Motorradzeitschriften belegen seit Jahren: Die weit verbreiteten Zubehörauspuffe sind trotz ABE-Zulassung deutlich zu laut – zum Teil doppelt so laut wie zulässig. Die Polizei muss tatenlos zusehen und die Politik sieht tatenlos zu, wie vornehmlich die Naherholungsgebiete von lärmenden Kradlenkern entwertet-, und wie Anwohner terrorisiert werden.

Kartell_neu

Seit 1995 beobachtet Albert Lechner von der Polizeidirektion Sigmaringen (Baden-Württemberg) Auspufftests in Motorradzeitschriften. Dem Polizeibeamten und Spezialisten für Fahrzeugkontrollen geht es um Zubehörauspuffe – nicht um Original-Ersatzteile der Motorrad-Hersteller. Solche Bauteile werden in der Praxis häufig gegen die Original-Auspuffe getauscht. Wem nicht klar sein sollte, warum ein Motorradbesitzer seinen intakten Original-Auspuff ohne Not gegen ein oft minderwertigeres und schlechter abgestimmtes Zubehörteil tauscht und dafür auch noch ein paar hundert Euro berappt, der braucht nur so einen Testbericht durchblättern. Wer sich so einen Auspuff dran schraubt, der möchte „mehr Sound“. In der Praxis kann das schon mal doppelt so laut sein.

Serienauspuff: Zulassung nur dank Elektronik-Tricks

Die Motorradzeitschriften gönnen sich regelmäßig, wovon eine Polizeistreife in der Praxis nur träumen kann: Einen Test dieser Zubehörauspuffe nach Normbedingungen. Beispiel “Das Motorrad“ Heft 21 aus dem Jahr 2010. Gestestet wurden Zubehörauspuffe mit EU-ABE an einer Kawasaki Z 750. Der Originalauspuff dieser Maschine verfügt bereits über eine elektronisch gesteuerte Drosselklappe, damit er den Normzyklus überhaupt besteht. Die Zeitschrift attestiert schon dem Serienauspuff „guter Klang trotz legaler Werte“. Einmal abgesehen davon, dass man bereits die Drosselklappen als Manipulation zum Bestehen der Prüfung sehen könnte – die zehn gleichfalls getesteten Zubehörauspuffe reißen allesamt und ohne Ausnahme jede Norm und sind im Fahrgeräusch bis zu 88 dB (A) laut. Zur Erklärung: Die Dezibelskala ist logarithmisch eingeteilt und nicht linear – 8 dB mehr als zulässig wie in diesem Fall stellen – gerundet – eine Verdoppelung der Lautstärke dar!

Viel zu laut – trotz ABE

Jeder einzelne dieser wesentlich zu lauten Zubehörauspuffe hat eine Allgemeine Betriebserlaubnis (ABE). Allesamt haben sie diese ABE aber nicht in Deutschland erworben, sondern in Luxemburg, in Italien oder Spanien. Nachvollziehen kann man das anhand einer E-Nummer, die im Auspuff eingeprägt ist. Mehr lässt sich nicht nachvollziehen; eine Recherche des italienischen, luxemburgischen oder spanischen Prüfingenieurs, der hinter der Zulassung steckt, führt auch für die Polizei ins Nichts. Das Auspuff-Kartell ist perfekt organisiert: In Deutschland kommt der Auspuff mit einer Zulassung auf den Markt, die in der Praxis nicht oder nur ganz schwer angefochten werden kann. Das wissen die gut informierten Leser von „Das Motorrad“, das wissen informierte Kreise bei der Polizei, das wissen mittlerweile auch Politik, Umweltbundsamt und Behörden, die regelmäßig und seit Jahren von Albert Lechner mit einer Dokumentation über die Tests versorgt werden.

Jeder zweite Harley-Käufer kauft einen lauten Auspuff dazu

Im Heft 26/2012 von „Das Motorrad“ findet sich erneut ein Testbericht über Zubehörschalldämpfer mit E-Prüfzeichen – diesmal an einer Harley Davidson. Der bei dieser Gelegenheit interviewte Harley-Händler Thomas Trapp (Geschäftsführer von Deutschlands größtem Harley Händler in Frankfurt) sagt aus, dass jeder zweite Motorradkäufer bei ihm in einen Zubehörschalldämpfer investiert und dass bei der Auswahl des Auspuffs der Sound die Hauptrolle spiele. Mit schlimmen Folgen für die Anwohner beliebter Motorradstrecken. Zählungen und Messungen des BUND Arbeitskreis Motorradlärm gehen von rund einem Drittel so manipulierter Motorräder aus. Tendenz steigend.

Eine Herde – mit 30 Prozent schwarzen Schafen

 

Und er ist nicht drin: Polizeibeamte finden hier keinen Endschalldämpfer "DB-Eater".
Und er ist nicht drin: Polizeibeamte finden bei einer Kontrolle an der Sulzbacher Steige keinen kompletten Endschalldämpfer. Der DB-Eater findet sich später im Rucksack des Fahrers.

All diese Auspuff-Anlagen können durch Polizeibeamte nicht beanstandet werden, da sie ein Genehmigungszeichen besitzen und somit „legal“ sind. Die zwischenzeitlich umgesetzten Sanktionsverschärfungen wirken damit nicht. Stattdessen bemühen sich offizielle Stellen in Verlautbarungen gegenüber den Medien darum, das Problem mit demselben Kunstgriff kleinzureden, wie ihn die Zubehörindustrie anwendet. Wenn die Zubehör-Auspuffe „legal“ sind, geht es nur noch um die anderen Manipulationen, also „um eine Minderheit, um ein paar schwarze Schafe, um maximal drei Prozent“. Gemeint sind hier die Krachschläger, denen man habhaft werden kann, weil sie mit herausgeschraubtem Enddämpfer (also ohne den sogenannten dB-Eater) erwischt werden. Alle Testkandidaten im 2010er-Motorrad-Heft boten diese Schrauber-Möglichkeit, die Lautstärke nochmals anzuheben – bis zum infernalischen Gebrüll.