Normenüberarbeitung aus der Feder der Fahrzeugindustrie

Bundesverband gegen Motorradlärm zur Überarbeitung der UNECE-R 41.05 vom April 2022

Zum Motorrad-Saisonauftakt präsentiert die Normenkommission UNECE die neue Lärm-Zulassungsnorm UNECE-R 41.05. Der Bundesverband gegen Motorradlärm zieht schon jetzt eine negative Bilanz zum künftigen Messverfahren. Wir als bundesweite Interessensvertretung der betroffenen Kommunen und Anwohnerinitiativen rechnen nicht mit einer Verbesserung der Lage an den Strecken und fordern endlich ein Einschreiten der Politik für mehr Bürger- und Anwohnerschutz. Hauptkritikpunkt an der Norm: Es soll auch künftig keine Lärmobergrenze für Motorräder geben, es bleibt bei „legalen“ Spitzenbelastungen durch Auspufflärm von 110 bis 120 dB(A) an den Strecken.

Marco Schmunkamp, Vorsitzender der Kommunen-Initiative „Silent Rider“, appelliert jetzt an die EU, „der fadenscheinigen Überarbeitung der Zulassungsregeln“ einen deutlich nach unten korrigierten „Grenzwert“ entgegenzusetzen: „Überall regt sich Widerstand gegen die immense Lärmbelästigung durch laute Rennmotorräder und Spaßfahrzeuge auf den Straßen – hier muss die EU für ihre Bürger und gegen die laute Raserei eintreten.“

Logo des Bundesverbands gegen Motorradlärm

UNECE wird dominiert von der Fahrzeugindustrie

Der Bundesverband gegen Motorradlärm kritisiert nicht nur die Norm – auch die Institution dahinter: „Es kann nicht angehen, dass ein von der Fahrzeugindustrie dominiertes Gremium wie die UNECE für die nächsten Jahrzehnte bestimmt, mit welchen Lärmemissionen Anwohner von Motorradstrecken gesundheitsgefährdend beschallt werden; in der UNECE ist der Bock der Gärtner,“ sagt Holger Siegel, Sprecher der Arbeitsgruppe Motorradlärm im BUND und verweist auf die Zeitschrift „Motorrad“, die ironischerweise lobt, dass das neue Regelwerk unter „tatkräftiger Mitwirkung der Motorradindustrie“ entstanden ist. Die Lärmbelastung an den Motorradstrecken in Naherholungsgebieten und landschaftlich reizvollen Gegenden ist immens und wird mit dieser langfristig gültigen Norm jetzt mindestens ein weiteres Jahrzehnt fortgeschrieben. Schon 2016 hatte die Normenüberarbeitung de facto lautere, statt leisere Fahrzeuge ermöglicht. Unser Fazit: Das Geschäft der Fahrzeugindustrie mit dem Krach wird weiter über den Gesundheitsschutz der Anwohner gestellt.

Aus dem Dieselskandal (nichts) gelernt: Gutachten werden delegiert

Als wichtigen Ansatzpunkt dafür, dass wieder Zulassungs-Schmu geplant ist, werten wir auch die Regeländerung, dass die Industrie künftig die Lärmgutachten für die Fahrzeuge an „technische Dienstleister“ delegiert. Edith Götz, Sprecherin der Anwohnerinitiativen VAGM e.V.: „Bisher hat die Industrie selbst für ihre Zulassungen verantwortlich gezeichnet, aber im Dieselskandal erfahren müssen, dass dieser Weg wortwörtlich in die Haftung führen kann. Jetzt wird die Lärmzulassung und damit das Haftungsrisiko für diese Gutachten an Sachverständige delegiert. Die sind von den Industrieaufträgen abhängig, sitzen wie bei den Zubehörauspuffen oft im Ausland und werden sich im Haftungsfalle auf das zur Verfügung gestellte Testmaterial herausreden.“

Zur künftigen Zulassungsregel Euro 5+, die ab 2025 gelten soll, wird die EU noch einen Grenzwert festlegen, der auf Basis dieses UNECE-Normenverfahrens ermittelt werden soll. Geplant war eine Grenzwertabsenkung von 77 auf 72 dB(A). Holger Siegel von der Arbeitsgruppe Motorradlärm im BUND: „Dagegen laufen die Fahrzeugindustrie und ihre Lobbyisten bereits Sturm – mit teils abstrusen technischen Argumenten und der Prophezeiung, 72 dB(A) bedeute das Ende des Motorradfahrens mit Verbrennungsmotoren.“ Der Bundesverband gegen Motorradlärm verweist darauf, dass es auch heute schon akzeptabel laute und damit sozialverträgliche Motorräder gibt – allerdings kaum welche mit über 150 PS.

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Hintergrund:

Kernforderung des Bundesverbands gegen Motorradlärm ist ein echter Lärm-Maximalgrenzwert für Motorräder über alle Betriebszustände des Fahrzeugs hinweg. Mit der immer wieder überarbeiteten Lärmnorm UNECE/ASEP versuchen die im UNECE-Gremium dominierenden Fahrzeughersteller seit vielen Jahren einen solchen echten Grenzwert zu vermeiden. Auch bei der künftigen UNECE-Norm wird ein Wert inmitten der Leistungsentfaltungskurve des Fahrzeugs als Zulassungs-Grenzwert (derzeit 77 dB(A)) festgesetzt, der aber rein definitorisch ist und bei weitem nicht der maximalen Lärmentfaltung des Fahrzeugs entspricht. Dies führt in der Praxis dazu, dass nicht selten an den Fahrbahnrändern über 100 dB(A) gemessen werden, das ist mehr als vierfach so laut wie der Grenzwert. Der eigenen Logik folgend, argumentiert die Motorradlobby nun, dass Abrollgeräusche der Reifen bei einem möglichen 72 dB(A) Grenzwert bereits lauter sein könnten als dieser definitorische Grenzwert. Diese Argumentation ist rein theoretischer Natur und in der eigenen Denkrille gefangen: Streckenanwohner stören sich nicht an den Reifen-Abrollgeräuschen von 70 dB, sondern am Sounddesign des Auspuffs, das das Leben an Motorradstrecken zu Hölle macht.

Zum Bundesverband gegen Motorradlärm

Im Bundesverband gegen Motorradlärm arbeiten Interessensvertreter von Kommunen und Bürgerinitiativen zusammen mit Umweltschutzverbänden an der Reduzierung der Belästigung durch besonders lauten Motorradverkehr auf öffentlichen Straßen. Mit dabei sind Silent Rider e.V., die VAGM e.V., die Arbeitsgruppe Motorradlärm im BUND, Initativen aus Nordrhein-Westfalen, Sachsen und Niedersachsens Weserbergland. Der Bundesverband stimmt sich permanent mit Vertretern der Initiative Motorradlärm Baden-Württemberg ab. Seine Sprecherinnen und Sprecher sind im Lobbyregister des Bundestags eingetragen.

4 Kommentare zu “ Normenüberarbeitung aus der Feder der Fahrzeugindustrie
  1. Walter sagt:

    Irgendwo habe ich von den Vorteilen des Klappenauspuffs gelesen. Der ermöglicht ein individuelles Klangbild (für wen eigentlich?!). Wieso geht da bei meinem Audi A2 nicht? Der ist so leise, dass man ihn ins Wohnzimmer stellen kann und keiner hört es, wenn der Motor an ist. Dafür beim TÜV: hat ein Löchlein im Endtopf gefunden – Reparatur waren dann 400 Euro und erneute TÜV-Gebühr. Wofür? Für nichts.
    Gleichzeitig erlaubt der Gesetzgeber Klappenauspuffanlagen bei Motorrädern.
    Fazit:
    Minister und Ministerinnen sind Motorradfahrer/innen, die vom Politalltag genervt mittels höllenlärmender Motorräder „abschalten“ müssen? Oder wieso erlauben die das seit Jahrzehnten?
    Der Klappenauspuff ist nichts weiter als behördlich genehmigtes Lärmen. Wenn ich ungefähr die Hälfte dieses Lärms tagsüber in der Fußgängerzone machen würde, bekäme ich ein Strafverfahren an den Hals wegen öffentlicher Ruhestörung.

    • Rainer Rau sagt:

      In Sachen Verkehrsminister sind wir wohl vom Regen in die Traufe gekommen, das Schildbürgerargument spricht Bände.
      Was das Lärmen und Rasen angeht, ist es eigentlich auch Sache der Ministerien des Inneren (Gesetzesverstöße) und für Gesundheit (die Schädigung durch Lärm ist lange bekannt).
      Daher muss man auch in diese Richtung aktiv werden, obwohl die Regierung derzeit mehr als genug andere Probleme hat. Aber Lärmen und Rasen wäre bei gutem Willen ohne großen Aufwand in den Griff zu bekommen.

  2. Franjo P. sagt:

    Andere Länder machen Gesetze und packen Probleme an. Bei uns „kann man nichts mache“n bis die Deutsche Umwelthilfe kommt und es durchklagt. WO BLEIBT DIE DEUTSCHE UMWELTHILFE???

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