Wie die Fahrzeuglobby die leisere Zukunft der E-Mobilität verhindern will
Es ist absurd: E-Autos sollen „aus Gründen der Gleichbehandlung“ künftig per künstlichem Sound so laut sein dürfen wie Verbrenner. Demnächst soll eine Norm dazu entschieden werden, die die eigentlich leise E-Mobilität im Zweifel brüllend laut machen wird. Die tieferen Gründe: Die Hersteller-Lobby hält die E-Fahrzeuge für nicht „emotional genug“ – Das Geschäft scheint Vorrang zu haben vor dem Schutz der lärmgeplagten Bürger.
Das zweite Hauptversprechen der Elektromobilität steht auf der Kippe: Fahrzeughersteller versuchen, die eigentlich leisen E-Autos über die Gestaltung der Zulassungsnormen künstlich so laut wie Verbrenner zu machen. Und zwar entgegen allen Grundsätzen der Zulassungsordnung. In der aktuellen Debatte um die Aufhebung des Verbrenner-Verbots scheinen manche Hersteller schnell noch ein paar Normen-Pflöcke setzen zu wollen, die auch die Politik später nicht mehr verrücken kann. Vorbild ist die ständig neu verfasste UNECE-Motorradnorm, der die Politik nicht beikommt – die Geschichte wiederholt sich also.
Was steht uns bevor?
„Künstlicher Lärm als Markenzeichen: Der feuchte Traum der E-Auto-Branche“, so titelt der Nachrichtendienst www.heise.de. Es geht um Autohersteller und Lobbyisten in den UNECE-Gremien und wie sie dafür kämpfen, E-Fahrzeuge künstlich lauter zu machen. Und zwar über den schon nervigen Warnton (AVAS) beim Langsamfahren hinaus, der Menschen mit Sinneseinschränkungen vor der „geräuschlosen Gefahr“ warnen soll.
Link zum Artikel: https://shorturl.at/qYaNg

Lärm ist kein Lifestyle – er macht krank
Die Gremien der UNECE sind überwiegend mit Vertretern der Fahrzeugindustrie besetzt. Schon im Februar wollen sie entscheiden, ob Hersteller E-Fahrzeuge künftig mit künstlichen Außengeräuschen („Soundgeneratoren“) ausstatten dürfen. Ein Sicherheitsargument wird vorgeschoben: In lauten Umgebungen (an den Haaren herbeigezogen werden hier: Schulen) soll der virtuelle Auspuffsound durchdringen (und vorm Elterntaxi warnen).
In Wirklichkeit geht es aber wieder um Motorenlärm als Verkaufshilfe für die Zielgruppe der Poser und Sportfahrer, denen E-Autos zu „unemotional“ sind.
Das geht verloren:
Szenen aus Asien und aus Ländern mit hoher E-Auto-Dichte zeigen anschaulich, wie lebenswert leise Städte sein können, wenn die Elektromobilität sich durchgesetzt hat. Trotz viel Verkehrs hört man die Stimmen von Passanten und das Plaudern aus Cafés. Sehen Sie selbst.
Link zu einem Video aus Shanghai auf youtube:

Stattdessen geplant ist „Lärm auf Knopfdruck“ – was genau solche Szenen zunichte macht. Damit sind solche Straßenzüge weiter die Bühne von Posern, Tunern und Sportfahrern. Raser- und Lärmerstrecken innerorts in Berlin, Mannheim und Stuttgart zeigen, wie belästigend für Anwohner und Passanten auch wenige Vertreter dieser Spezies sein können. Die Folgen: Einbußen an Lebensqualität und Gesundheit. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) lässt verlauten, dass Verkehrslärm in Europa jährlich rund 1–1,3 Millionen gesunde Lebensjahre raubt.
Brüllender Lärm als Marketinginstrument

Forciert wird diese Normen-Entwicklung von der internationalen Autoindustrie (OICA) – motiviert wesentlich von den deutschen Herstellern. Sie fordert „Gleichbehandlung“ mit Verbrennern. Mittel zum Zweck ist das Exterior Sound Enhancement Systems (ESES). Übersetzt heißt das: Künftige E-Autos sollen über Lautsprecher genauso laut und charakteristisch belästigend sein dürfen, wie die Lärmverursacher von gestern. Obwohl völlig unnötig Anwohner belästigt und gesundheitlich geschädigt werden.
Wie sich das anhören kann?
Politikversagen mit Ansage
Fakt ist: Ist die UNECE-Norm des künstlichen Lärms erst zementiert, hat die Politik das Nachsehen und muss sich wieder auf die „Kann-man-nix-machen“ Position zurückziehen. Das ist ganz wie beim Motorradlärm – wenn man dem Bock das Gärtnern überlässt, kommen solche Regelwerke dabei heraus.
Als möglicher „Kompromiss“ bahnt sich das sogenannte „Default-Off“-Prinzip an: schlimm genug! Künstliche Lärmsysteme über einen Schalter wären erlaubt, aber beim Start ausgeschaltet. Das bedeutet: Der Fahrer bestimmt, wen er wann laut beschallt – das käme der Poser-Psyche natürlich entgegen.
Die Entscheidung fällt im Februar. Sollte die Politik hier nicht eingreifen, wäre das ein fatales Signal:
- Die leise Verkehrswende wird geopfert, bevor sie begonnen hat.
- Die Interessen einer lauten Minderheit wiegen erneut mehr als die Gesundheit von Millionen.
Unser Appell an die Politik: Künstlichen E-Fahrzeuglärm sofort stoppen!
Elektromobilität bietet eine historische Chance, Verkehrslärm zu reduzieren und Millionen Menschen gesundheitlich zu entlasten. Diese Chance darf nicht durch konsumgetriebenes Sound-Design verspielt werden.
Künstliche Außengeräusche, über AVAS hinaus, sind gesundheitspolitisch unverantwortlich. Sie erhöhen nachweislich Krankheitsrisiken und verschlechtern die Lebensqualität in Städten und Gemeinden.
Daher fordern wir:
- Klares Verbot nicht sicherheitsrelevanter künstlicher Fahrzeuggeräusche!
- Keine Gleichstellung von E-Autos mit Verbrenner-Lärmwerten!
- Konsequenten Schutz der Bevölkerung vor vermeidbarem Verkehrslärm!
Dringender Appell an Kommunen, Bürgerinnen und Bürger und Politik:
Handeln Sie kurzfristig – die Entscheidung soll bereits im Februar fallen! Jede Nachricht, jeder Brief, jede E-Mail kann die Entscheidung beeinflussen. Es steht viel auf dem Spiel: unsere Gesundheit, unsere Städte und die leise Zukunft auf unseren Straßen. Jeder Einzelne kann jetzt etwas bewegen – packen wir es gemeinsam an!
Hier noch ein Factsheet zum Thema sowie der gesamte Newsletter als PDF zum Download:


2 Responses
Im Maschinenbau verfolgt man, neben der zuverlässigen Funktion, die weitgehende Vermeidung von Geräuschen, erst recht von Lärm. Künstlicher Lärm sollte Musikveranstaltungen vorbehalten bleiben und hat auf der Strasse nichts zu suchen. Und wenn nur aus Marketinggründen dieses Prinzip zu Lasten der Allgemeinheit aufgegeben werden würde, ging mein Glaube an die Vernunft und die Intelligenz der Menscheit vollständig verloren!
Tuner und Poser sind eine wichtige Zielgruppe für die Fahrzeugindustrie. Man möge sich die entsprechenden Dokus ansehen. 25jährige mit 120.000 Euro Schlitten. Sehr dankbare Zielgruppe. Und die soll jetzt ins E-Zeitalter überführt werden. Auf Kosten der Allgemeinheit.