Lärm-Report aus Tirol

Reportage aus den Alpen: Die Österreicher werden vom Freizeit- und Spaßverkehr belästigt.

Die Alpen leiden mehr und mehr unter dem teutonischen Krachverkehr – eine Fernseh-Reportage im ORF schildert das eindringlich. Während die einen leiden, die anderen ihren „Spaß“ haben, verdienen die Gastronomen ihr Geld auch mit Motorradfahrern und fürchten um den Umsatz. Der Denkfehler: Offensichtlich meint man in unserem Nachbarland (wie auch hierzulande) dass dieser Freizeitlärm auf zwei Rädern unvermeidbar sei. Ganz im Gegenteil. Es ginge weitaus leiser, wenn nicht gar leise. Der Fahrspaß wäre bis auf die akustische Komponente der selbe. Nur will die Kundeschaft das nicht und deshalb gibt sich die Fahrzeugindustrie (auch die Österreichische) alle betrügerische Mühe, die Lärmvorschriften zu umgehen. Und die Politik lässt sich das gefallen. Europaweit. Das ist ausgewogene Berichterstattung, die alle Seiten zu Wort kommen lässt. Nur leider unter der Annahme von falschen Voraussetzungen.

IVM: Die Hersteller und Heuchler

Aufgepasst – endlich mal eine Neuigkeit in Sachen Motorradlärm, die aufhorchen lässt: Der Industrieverband Motorrad Deutschland (IVM) hält seine Kunden in einem Video zum leisen Fahren bzw. Schieben an. Allen ernstes! Wirklich! Mei! Was für eine Wuchtel!

Da hat sich vermutlich der IVM-PR-Kreis getroffen und gesagt: „Es regt sich Unmut im Volk. Natürlich nur in dem Teil, der nicht zu unseren Kunden zählt! Wir müssen etwas tun! Angriff ist die beste Verteidigung! Schuld verschieben! Und zwar lustig, weil Fahrvergnügen ist Kulturgut!“

In dem folgerichtig humorigen und mit Sicherheit viral gehenden Film-Streifen zeichnet eine kreative Kreativagentur ein realistisches Bild zum Stand der Dinge: Die Landbevölkerung hat die Nase (hier = Ohren) voll von den Rowdies. Die Traktoristen und Rollatoristinnen gucken im Film sogar böse! Denen kann man auch nichts recht machen: Früher wurde jede Harley und jeder Streetfighter mit Palmwedeln empfangen, heute kommt der lärmgeplagte Landmann mit der Mistgabel dahergerannt. Pro forma appellieren die Hersteller jetzt an die berittenen Kundschaft, es doch bitte leiser angehen zu lassen. Der Film droht mit Fahrverboten und Schiebzwang. Einschränkender Tenor: Das Motorrad ist ja nicht schuld. Schuld ist das Herrchen mit dem ADHS-Minderwertigkeitskomplex, das draufsitzt! Der Be-Sitzer – wie beim Kampfhund!

Was für ein Noise-Washing!

Können die Hersteller denn gar nichts dafür? Vor 15 Jahren hat BMW noch Motorräder gebaut, die waren als Polizeikrad nicht lauter als ein Pkw. Heute führen die Bayern die Rangliste der Poser mit ihrer BMW S 1000 RR an. Darf wegen Lärmerei nicht auf die Rennstrecke, aber überall Leute belästigen auf öffentlicher Straße. Selbst das Volumenmodell GS geht nicht mehr ohne Auspuffklappen an den Start, geschweige denn durch den TÜV. Ist ja auch eine Art Krawall-Tourenmotorrad. Der TAZ gegenüber hat der Hersteller bekannt, dass es sonst keine Homologation bekommen hätte. Erst jüngst hat das Umweltbundesamt eine BMW RnineT untersucht und festgestellt, dass dieses Ding so laut kann wie 160 Kräder, die den Lärmgrenzwert von 77 Dezibel einhalten. Frage an BMW: Wäre es nicht viel einfacher, dieses „Naked Bike“ leiser und sich selbst ehrlich zu machen? Einfacher als die Fahrer im Nachhinein zum Säuseln bekehren zu wollen, die für diesen Lärmgenerator auf zwei Rädern teuer bezahlt haben?

Schiebung – allerorten

Die Audi-Tochter Ducati scheint angesichts der jüngsten Emissions-Geschichte(n) ebenfalls berufen, ihre Kunden zum Schieben anzuhalten. Spitzenmodell Panigale: Spitzen-Standgeräusch 107 Dezibel bei halber Drehzahl (sic!). Plus 5 Dezibel Toleranz bei der Polizeikontrolle. Dafür hat dieses 200-PS-Modell die Zulassung unter bemerkenswerten Umständen bekommen: Es wurde geräuscharm mit 36,6 km/h im dritten Gang durch den Testzyklus gefahren – oder geschoben. Normenidiotie vom Feinsten…

Ducati Prüfaufkleber: 107 dB (A) Standgeräusch bei halber Nenndrehzahl. Und Fahrgeräusch: Im dritten Gang bei 36,5 km/h den „Grenzwert“ von 80 dB(A) mit Abstand eingehalten.

Geschoben wird ja allerorten: Bestimmt bestückt der IVM auch den illustren Normenkreis in Genf mit kompetenten und diensteifrigen Mitgliedern… Man glaubt es nicht! Wer so einen Testzyklus ersonnen hat, der lebt bar jedes Sachverstands im Herstellerbiotop bei Daimler oder BMW – oder ist raubtierkapitalistisch böswillig.

Zwischenruf:

Ey, du kleiner Diplomingenieur (FH), der du deinen Hintern jahrelang in dieser Normenkommision breit gedrückt hast, um in der Norm den „Stand der Technik“ abzubilden: Was sind schon 1,8 Milliarden Euro für verkehrslärmbedingte Infarkte pro jahr in Deutschland, wenn man dafür viele „legale“ Sportauspuffe mehr verkaufen kann, gell? Und nicht negativ denken, sondern immer lustig bleiben (wie der Film): Herzinfarkt ist ja auch eine Chance, vom Lärm-Hotspot wegzuziehen. Also – wenn man ihn überlebt hat.“ Quelle

Der IVM steht auch für Harley Davidson. Experten schätzen, dass 80 Prozent der Neufahrzeuge dieser Marke einen Zubehör-Krachauspuff mit Klappen bekommen. Seit 2016 und mit Euro 4 sollen Klappenauspuffe offiziell verboten sein. Nichts genaues weiß man nicht – in dieser lobbyistengesteuerten Bananenbiegerrepublik der Scheuerandis werden die Klappenauspuffe von Kesstec und Jeckyll & Hyde jedenfalls munter weiterverkauft. Sonst gäbe es die Firmen ja gar nicht mehr, denn: Ein vernünftiges Produkt haben sie nicht.

Nicht von dieser Welt: Da singt in einem anderen IVM-Lärmvideo ein Mädchen leise lauter, als die Harley vorüberfährt. Die Kuschelvariante von „Born to be wild“ hat leider nichts mit der Realität zu tun.

Auf NRA-Niveau angekommen

Ein ebenso munteres Stelldichein feiern in diesem Verband auch die Japaner (Suzuki, Kawasaki, Honda, Yamaha), die zuhause enge Daumenschrauben in Sachen Lärm angelegt haben, aber hierzulande richtig die Sau rauslassen: für maximale Zufriedenheit der Kunden. Und für den Rest (also die Nichtkunden) gibt es ein tröstendes Filmchen, mit dem die Lärmverdiener, „Sound“-Designer und Normenverdreher sich die Hände in Unschuld waschen.

Merke: Am Gas drehen immer die anderen! Das hat schon fast etwas von NRA

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Baden-Württemberg gibt Gas gegen Motorradlärm

Baden-Württembergs Grün-Schwarze Landesregierung leistet sich einen Lärmschutzbeauftragten – und der redet endlich Tacheles: Der weitaus größte Teil der Lärmbeschwerden, die bei ihm auftreffen, beziehen sich auf Motorradlärm. Thomas Marwein nutzt als Lärmschutzbeauftragter die Sommerpause, um die Lärm-Hotspots im Bundesland abzureisen. Es gebe, so Marwein, in Baden-Württemberg keinen Ort mehr, bei dem der Motorradlärm kein Problem darstelle. Je reizvoller die Landschaft und die Topographie, desto schlimmer.

Motorradlärm-Schild im Lautertal. Foto: Arne Hettrich

Die Toleranzgrenze bei Anwohnern in Ausflugsgebieten wie dem Lautertal auf der Schwäbischen Alb sei deshalb schon lange ausgereizt. Sybille Hölz, Ortsvorsteherin aus Münsingen-Buttenhausen hat deshalb einen regelrechten Hass auf Motorradfahrer entwickelt.

Hass auf Motorradfahrer

Die Abneigung gegen Biker kann Thomas Marwein gut nachvollziehen: „Eigentlich ist es in ganz Baden-Württemberg schlimm mit dem Motorradlärm“. Die schönen Strecken im Schwarzwald und auf der Schwäbischen Alb würden die Biker zum Fahren einfach einladen. Deshalb gebe es keinen Ort, wo Motorradlärm kein Problem sei.

Einen ganz eigenen Weg geht der Landkreis Rems-Murr, unweit von Stuttgart, der als Naherholungsgebiet der Schwabenmetropole mit reichlich Lärm-Hotspots gestraft ist. Nachdem man hier mit kontraproduktiven (weil lärmenden) Rüttelstreifen nicht weiterkam, versucht es die Landkreis-Verwaltung jetzt mit Schwäbischen Humor und Schilderm „Fahr nicht wie die Sau!“ „In erster Linie wollen wir mit unseren Aktionen sensibilisieren und nicht abstrafen oder verurteilen. Das Fahrvergnügen soll nicht getrübt werden“, betont der Landrat Richard Sigel gegenüber der Stuttgarter Zeitung. Mal sehen, ob solcherart Humor verstanden wird (und etwas bewegt). Fahrvergügen scheint hier also vor Anwohnerschutz zu rangieren – vielleicht sollte der Landrat sein Wochenend-Domizil mal an einem Hotspot in seinem Landkreis aufschlagen…

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UBA misst (endlich) nach: Krachmaschinen ab Werk

Die Tageszeitung „taz“ berichtet exklusiv von Versuchen des Umweltbundesamts (UBA): Viele Motorräder und Sportwagen sind viel lauter als bisher bekannt. Hersteller nutzen technische Tricks, um den „Grenzwert“ zu umgehen und werden zu Helfern der zwei – und vierrädrigen Belästiger. Wenn sogenannte sportliche Fahrzeuge – Autos und Motorräder – mit hohen Motordrehzahlen gefahren werden, sind sie regelmäßig ein vielfaches lauter als der gesetzliche Grenzwert. Das zeigen lang erwartete Messergebnisse, die die taz exklusiv einsehen konnte. Dabei erhöht Straßenverkehrslärm das Risiko von Herzinfarkten, belästigt Anwohner und ruiniert die Lebensqualität vieler Menschen.

Krach-Poser werden von der Fahrzeugindustrie vollversorgt

Manche Motorräder und sogenannte Sportwagen sind einer Studie des
Umweltbundesamts zufolge viel lauter als bisher bekannt. Wenn sie
provokativ gefahren werden – also mit besonders hohen Motordrehzahlen –
spielt der gesetzliche Grenzwert keine Rolle. Das zeigen Messungen des Umweltbundesamts, die die Tageszeitung „taz“ (Dienstag-Ausgabe) exklusiv einsehen konnte.

So präsentiert das der BMW Händler (Foto wurde in einem Showroom aufgenommen): Die R NineT mit abgenommenem Klappen-Auspuff, damit auch der letzte potenzielle Kunde kapiert, dass hier „legaler“ Betrug im Spiel ist. Im Straßenverkehr ist die Erfolgs-Krachtüte der Bayern so laut wie 160 Fahrzeuge mit „Normallärm“ 77 Dezibel.

BMW und Audi – immer vorn mit dabei

Ein Beispiel ist das Motorrad BMW R NineT Urban G/S: Im Lärmtest für die Typzulassung nach EU-Recht kam das Modell laut Umweltbundesamt bei 50 Kilometern pro Stunde in 7, 5 Meter Entfernung auf rund 74 Dezibel. 77 Dezibel waren für diesen Typ erlaubt. Als der Testfahrer aber absichtlich hochtourig fuhr, maß das Amt gleich 99 Dezibel. Eine Zunahme von zehn Dezibel entspricht ungefähr einer Verdopplung der empfundenen Lautstärke. „Ein Fahrzeug mit dem gemessenen Wert verursacht einen Geräuschpegel wie rund 160 Fahrzeuge mit 77 Dezibel“, erläutert Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender des Arbeitsrings Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik.

Die Kawawsaki Ninja beim Test des Berliner Umweltbundesamts: An sich normkonform. Nur wenn man Gas gibt unerträglich laut. Foto: Wikipedia, Rainmaker47

Die ebenfalls vom Umweltbundesamt getestete Kawasaki Ninja ZX-10R KRT
kam sogar auf 102 Dezibel. Wenn sie im offiziellen Zulassungsverfahren
gemessen wird, war sie nur rund 76 Dezibel laut, also etwa in Höhe des
Grenzwerts. Auch die Harley Davidson Softail Heritage Classic lag bei den „Worst Case“-Fahrten weit über dem in den offiziellen Testfahrten erlaubtem Limit.

Das trifft nicht nur bei den drei getesteten Motorrädern zu, sondern auch bei den drei untersuchten Autos. Das Audi TT RS Coupé etwa verursachte bei der Fahrt mit besonders hohen Drehzahlen einen Geräuschpegel von 102 Dezibel. In der Zulassungsprüfung sind nur rund 76 Dezibel zulässig.

Auch die „Saubermänner“ von Audi schaffen es mit dem TT RS mit 102 dB aufs Prolltreppchen (hier als Ohne-Dach-Variante für die von der Marke eh verwöhnten Frischluftfreunde).
Foto: Wikipedia Alexandre Prévot at https://flickr.com/photos/32569229@N06/11910947404

Umfragen zufolge fühlen sich etwa drei Viertel der Bevölkerung durch Straßenverkehrslärm gestört oder belästigt, also in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Dabei können chronische Lärmbelastungen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle verursachen, warnt das bundeseigene Robert-Koch-Institut. Dennoch bauen BMW und andere Konzerne Motorräder oder Autos so, dass sie lauter sind als zum Fahren nötig. Der Grund: Gerade männliche Kunden finden es schön, wenn die Fahrzeuge einen kräftigen „Sound“ haben. Legal ist das, weil der Schallpegel für die Zulassung nur in „zahmen“ Situationen mit niedrigen Motordrehzahlen und Geschwindigkeiten beispielsweise von 50 Kilometern pro Stunde gemessen werden.

Lärm macht krank: Die Folgen reichen von Schlafstörungen über Depressionen und Bluthochdruck bis hin zu Herzinfarkt und Schlaganfall. Das Umweltbundesamt hat eine Meta-Studie beauftragt: Nach diesem Bericht ist zu befürchten, dass rund drei Prozent aller Herzinfarkte in Deutschland durch Straßenverkehrslärm hervorgerufen werden. 2013 waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ohne Schlaganfälle) für 354.493 Todesfälle verantwortlich.(Quelle)

Verkehrslärmbedingte Infarkte kosten
1,8 Milliarden/Jahr

Die Folgekosten für das Gesundheitssystem sind immens: Prof. Kerstin Giering (Hochschule Trier) errechnete 2015 allein für verkehrslärmbedingte Myokardinfarkte Kosten von rund 1, 8 Milliarden Euro pro Jahr berechnet. Dazu kommt volkswirtschaftlicher Schaden: Krankzeiten, Wertverlust der Immobilien, Umsatzeinbußen in der Touristik, etc. Die Kosten für die Volkswirtschaft summieren sich in Deutschland laut Professor Giering auf 9, 1 Milliarden Euro pro Jahr (Quelle).

Link zum Originalartikel:
https://taz.de/Verbotene-Lautstaerke-von-Motorraedern/!5602800/

Bedrohung des gesellschaftlichen Friedens

Die Badische Zeitung (Freiburg) redet Tacheles: Röhrende Motorräder sind die größte Lärmquelle im sonst so stillen Schwarzwald. Die Schmerzgrenze scheint überschritten. „Kontrollen, Kontrollen, Kontrollen“, fordern daher Kenner. Sie Zeitung berichtet auch über den Lärmgipfel in Bernauch (Hochschwarzwald), wo Fachleute, Betroffene und Motorradlobbyisten diskutierten. Hier der Beitrag in der Internetzeitung Regiotrends. Verblüffend, wie ignorant hier die Motorradverbände weiterhin die Mär verbreiten, dass es um einzelne, individuelle Manipulationen der Fahrer gehe. Ignoriert wird, dass das individuelle Manipulieren gar nicht mehr nötig ist, seit das Gros der leistungsstarken Fahrzeuge mit Klappenauspuffen ausgerüstet ist und die Fahrzeugindustrie schon in der Normenregelung mitmanipuliert hat, damit Lärmen ab Werk „legal“ bleibt. Nachzulesen hier beim Beobachter.

Der Landesnaturschutzverband Baden-Württemberg fordert unterdessen, dass sich die Bundesregierung für echten Lärmschutz ihrer Bevölkerung und damit für eine Änderung der Zulassungsnormen für Motorräder und Sportwagen einsetzt. „Die bisherige Norm wurde von der Lärmlobby geschrieben. Völlig unrealistische Prüfzyklen führen dazu, dass Motorräder in der Praxis nahezu beliebig laut sein dürfen.“ klagt LNV-Chef Gerhard Bronner. Als Skandal bezeichnet der LNV, dass Motorradfahrer völlig legal künstlich Lärm dazu schalten dürfen – Stichwort Spaßlärm. „Klappenauspuffe gehören aus dem Verkehr gezogen!“ fordert Bronner. Besonders verwerflich sei das Verhalten der Firma BMW. Sie habe in der Vergangenheit leise Motorräder gebaut,  baue mittlerweile aber – angeblich auf Wunsch ihrer Kunden – Lärm-Ungetüme, die den Krachmachern der Firmen Harley-Davidson oder Ducati in nichts nachstehen. Solange sich hier nichts ändert, empfiehlt der LNV Motorradfreunden den Kauf von japanischen Modellen oder gleich von Elektromotorrädern, bei denen Lärm kein Problem ist.

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Lärmzwerg-Aufkleber

Auf vielfachen Wunsch: Den Aufkleber mit dem lärmsensiblen Zwerg gibt es jetzt zu kaufen. Ein starkes Statement mit fast 9,5 cm Durchmessern. Selbstklebend, eindeutig, witterungsbeständig. Sieben Stück gibt’s für 5 Euro – bitte 5-Euro-Schein und Briefmarken für 1.45 Euro schicken an:

„Ich lärme, also bin ich“


Meinungsbeitrag von Rainer Rau

Kürzlich beschrieb eine Kanufahrerin in einer Sendung des SWR, wie sehr sie das „lautlose Dahingleiten“ auf dem Wasser genießt. Schockierend! Was ist in ihrem Leben schief gelaufen? Kann man ihr überhaupt helfen? Es gibt doch Motorboote und Jetskis, warum sträubt sie sich gegen ein mehrheitsangepasstes Leben im Kreis von Millionen Lärmgourmets?

Plakat zum Tag gegen Lärm 2019.

In der Entwicklung von Wohlstand und Überfluss hat der Lärm für das Selbstverständnis vieler Menschen einen hohen Stellenwert erreicht. Wenn die Grundbedürfnisse gestillt sind, geht es darum, die eigene Anwesenheit und Bedeutung möglichst unübersehbar darzustellen. Weiterhin will man sich dem Verhalten der Massen anpassen, wobei es einfach nur darum geht, dabei zu sein und wahrgenommen zu werden. Wie in vielen anderen Bereichen spielt auch hier die Maßlosigkeit eine wesentliche Rolle. Familienfeiern übertreffen in der Lautstärke Volksfeste von früher, einzelne Autoradios hört man in ganzen Stadtteilen, Dezibel in Clubs, Restaurants und generell bei Menschenansammlungen beulen kontinuierlich die Trommelfelle nach innen.

Beim vermeidbaren Verkehrslärm haben Motorräder die Führungsrolle übernommen, gefolgt von Protz-Pkw mit mehr oder weniger legalem Zubehör. Die schiere Anzahl, das zwanghafte Nachahmen des Fehlverhaltens anderer und die Duldung durch Politik und Behörden haben dazu geführt, dass Rasen und Lärmen für eine rasant steigende Anzahl der Motorradfahrer normal geworden sind. Die Anonymität hinter der Plexiglasvermummung, das schnelle Verschwinden vom Tatort und das Gemeinschaftsgefühl mit den Mittätern lassen ein Gefühl für Fehlverhalten nicht aufkommen. Fahrzeughersteller, Zubehörentwickler und Zulassungsbehörden tun ihr Bestes, die Nutzer ihrer Produkte sich als die neuen Helden fühlen zu lassen und immer grenzen- und rücksichtsloser zu agieren. Die Befürchtung von Sanktionen, selbst bei stärksten Übertretungen von Recht und Ordnung, entsteht beim Zustand unserer Polizei und Justiz gar nicht erst.

Gesellschaftsunverträgliches Verhalten

Das massiv gesellschaftsunverträgliche Verhalten stellt eine Form von Gewalt dar, der die Gestressten und Geschädigten kaum etwas entgegenzusetzen haben. Von den zuständigen Stellen im Stich gelassen, verkriechen sie sich lieber hinter mittlerweile wirkungslosen Schallschutzmaßnahmen oder verkaufen ihre Grundstücke – bevor sie, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, mit gleicher Intensität wie ihre Schädiger gegen sie vorgehen.

Das Rennen geht lautstark weiter. Die steigende Anzahl der Verletzten und Toten setzt keine Denkvorgänge in Gang, außer, wenn der Unfallverursacher ein Pkw war. Hilflose, einzelne Affekthandlungen – wie die des Heugabelmannes – führen zu einem Aufschrei der harmlosen Betreiber eines Hobbies, die um ihre Menschenrechte fürchten.

Als der Straßenverkehr ein bestimmtes Ausmaß erreichte, stellte man Ampeln auf und erfand die StVO. Als das Rauchen in Restaurants und Gaststätten zu gravierend wurde, hat man es reglementiert. Als zu viele „Sportangler“ die Fische quälten und die Ufer zertrampelten und vermüllten, hat man zu Regelungen gegriffen. Man stelle sich Deutschland ohne Waffengesetz vor! Warum ist der heutige Straßenverkehr in vielen Belangen ein rechtsfreier Raum? Der VDA sowie seine Lobbyisten und Nutznießer kennen die Antwort.

Die Verursacher des unnötigen, mutwilligen, vermeidbaren Verkehrslärms sind sich einig, die darunter Leidenden fangen erst an, sich zu wehren. Vielleicht sind die Betroffenen, die das Problem wahrnehmen, schon zu satt und unmotiviert. Teile der jungen Generation könnten hier als Vorbild dienen – „Tuesday gegen Terror – Lärmterror“ wäre eine sinnvolle Maßnahme. Einige wenige Politiker und Behördenmitglieder haben ihre Ohren schon etwas geöffnet, da müssen wir jetzt den Auspufflärm übertönen.

Die Polizei Mannheim spricht Klartext

Erfrischender Klartext von kompetenter Seite: Hauptkommissar Michael Schwenk (Mannheim) stellt der Politik die richtigen Fragen. Quelle: SWR

ARD Filmbeitrag vom SWR mit motorradlaerm.de und der Mannheimer Soko Poser: Die ordnungspolitische Federführung in Sachen Poser-Bekämpfung auf zwei und vier Rädern ist der Mannheimer Verkehrspolizeidirektion nicht zu nehmen. Kreative Ordnungshüter, die übrigens kompetent auch Klartext reden: „Es ist uns unerklärlich, wie diese Fahrzeuge mit Zulassung in den Verkehr kommen.“ Auch der BUND Arbeitskreis Motorradlärm darf in dem Beitrag erklären, wie mit dem Klappanauspuff betrogen wird. Ja – scheint so als sei die Politik am Zug. Die Umweltministerkonferenz der Länder hat zum nächsten Termin das Thema Klappenauspuff wieder auf der Agenda.

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