UBA misst (endlich) nach: Krachmaschinen ab Werk

Die Tageszeitung „taz“ berichtet exklusiv von Versuchen des Umweltbundesamts (UBA): Viele Motorräder und Sportwagen sind viel lauter als bisher bekannt. Hersteller nutzen technische Tricks, um den „Grenzwert“ zu umgehen und werden zu Helfern der zwei – und vierrädrigen Belästiger. Wenn sogenannte sportliche Fahrzeuge – Autos und Motorräder – mit hohen Motordrehzahlen gefahren werden, sind sie regelmäßig ein vielfaches lauter als der gesetzliche Grenzwert. Das zeigen lang erwartete Messergebnisse, die die taz exklusiv einsehen konnte. Dabei erhöht Straßenverkehrslärm das Risiko von Herzinfarkten, belästigt Anwohner und ruiniert die Lebensqualität vieler Menschen.

Krach-Poser werden von der Fahrzeugindustrie vollversorgt

Manche Motorräder und sogenannte Sportwagen sind einer Studie des
Umweltbundesamts zufolge viel lauter als bisher bekannt. Wenn sie
provokativ gefahren werden – also mit besonders hohen Motordrehzahlen –
spielt der gesetzliche Grenzwert keine Rolle. Das zeigen Messungen des Umweltbundesamts, die die Tageszeitung „taz“ (Dienstag-Ausgabe) exklusiv einsehen konnte.

So präsentiert das der BMW Händler (Foto wurde in einem Showroom aufgenommen): Die R NineT mit abgenommenem Klappen-Auspuff, damit auch der letzte potenzielle Kunde kapiert, dass hier „legaler“ Betrug im Spiel ist. Im Straßenverkehr ist die Erfolgs-Krachtüte der Bayern so laut wie 160 Fahrzeuge mit „Normallärm“ 77 Dezibel.

BMW und Audi – immer vorn mit dabei

Ein Beispiel ist das Motorrad BMW R NineT Urban G/S: Im Lärmtest für die Typzulassung nach EU-Recht kam das Modell laut Umweltbundesamt bei 50 Kilometern pro Stunde in 7, 5 Meter Entfernung auf rund 74 Dezibel. 77 Dezibel waren für diesen Typ erlaubt. Als der Testfahrer aber absichtlich hochtourig fuhr, maß das Amt gleich 99 Dezibel. Eine Zunahme von zehn Dezibel entspricht ungefähr einer Verdopplung der empfundenen Lautstärke. „Ein Fahrzeug mit dem gemessenen Wert verursacht einen Geräuschpegel wie rund 160 Fahrzeuge mit 77 Dezibel“, erläutert Michael Jäcker-Cüppers, Vorsitzender des Arbeitsrings Lärm der Deutschen Gesellschaft für Akustik.

Die Kawawsaki Ninja beim Test des Berliner Umweltbundesamts: An sich normkonform. Nur wenn man Gas gibt unerträglich laut. Foto: Wikipedia, Rainmaker47

Die ebenfalls vom Umweltbundesamt getestete Kawasaki Ninja ZX-10R KRT
kam sogar auf 102 Dezibel. Wenn sie im offiziellen Zulassungsverfahren
gemessen wird, war sie nur rund 76 Dezibel laut, also etwa in Höhe des
Grenzwerts. Auch die Harley Davidson Softail Heritage Classic lag bei den „Worst Case“-Fahrten weit über dem in den offiziellen Testfahrten erlaubtem Limit.

Das trifft nicht nur bei den drei getesteten Motorrädern zu, sondern auch bei den drei untersuchten Autos. Das Audi TT RS Coupé etwa verursachte bei der Fahrt mit besonders hohen Drehzahlen einen Geräuschpegel von 102 Dezibel. In der Zulassungsprüfung sind nur rund 76 Dezibel zulässig.

Auch die „Saubermänner“ von Audi schaffen es mit dem TT RS mit 102 dB aufs Prolltreppchen (hier als Ohne-Dach-Variante für die von der Marke eh verwöhnten Frischluftfreunde).
Foto: Wikipedia Alexandre Prévot at https://flickr.com/photos/32569229@N06/11910947404

Umfragen zufolge fühlen sich etwa drei Viertel der Bevölkerung durch Straßenverkehrslärm gestört oder belästigt, also in ihrer Lebensqualität eingeschränkt. Dabei können chronische Lärmbelastungen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlaganfälle verursachen, warnt das bundeseigene Robert-Koch-Institut. Dennoch bauen BMW und andere Konzerne Motorräder oder Autos so, dass sie lauter sind als zum Fahren nötig. Der Grund: Gerade männliche Kunden finden es schön, wenn die Fahrzeuge einen kräftigen „Sound“ haben. Legal ist das, weil der Schallpegel für die Zulassung nur in „zahmen“ Situationen mit niedrigen Motordrehzahlen und Geschwindigkeiten beispielsweise von 50 Kilometern pro Stunde gemessen werden.

Lärm macht krank: Die Folgen reichen von Schlafstörungen über Depressionen und Bluthochdruck bis hin zu Herzinfarkt und Schlaganfall. Das Umweltbundesamt hat eine Meta-Studie beauftragt: Nach diesem Bericht ist zu befürchten, dass rund drei Prozent aller Herzinfarkte in Deutschland durch Straßenverkehrslärm hervorgerufen werden. 2013 waren Herz-Kreislauf-Erkrankungen (ohne Schlaganfälle) für 354.493 Todesfälle verantwortlich.(Quelle)

Verkehrslärmbedingte Infarkte kosten
1,8 Milliarden/Jahr

Die Folgekosten für das Gesundheitssystem sind immens: Prof. Kerstin Giering (Hochschule Trier) errechnete 2015 allein für verkehrslärmbedingte Myokardinfarkte Kosten von rund 1, 8 Milliarden Euro pro Jahr berechnet. Dazu kommt volkswirtschaftlicher Schaden: Krankzeiten, Wertverlust der Immobilien, Umsatzeinbußen in der Touristik, etc. Die Kosten für die Volkswirtschaft summieren sich in Deutschland laut Professor Giering auf 9, 1 Milliarden Euro pro Jahr (Quelle).

Link zum Originalartikel:
https://taz.de/Verbotene-Lautstaerke-von-Motorraedern/!5602800/

11 Kommentare zu “UBA misst (endlich) nach: Krachmaschinen ab Werk
  1. Frank sagt:

    Um die technischen Tricks und die Mitwirkung der Fahrzeugindustrie an den Hintertüren der Zulassungsnormen besser zu verstehen sind auch diese beiden Links aus der Schweiz hilfreich:

    https://www.srf.ch/sendungen/kassensturz-espresso/themen/umwelt-und-verkehr/manipulierte-fahrzeugtests-auch-beim-laerm-wird-getrickst

    https://www.beobachter.ch/strassenverkehr/tofflarm-die-larmgrenzwerte-sind-reine-theorie

  2. Rainer Rau sagt:

    Die Modellbezeichnung „Ninja“ ist von Kawasaki ein wenig unglücklich gewählt. Im Japanischen bedeutet es so viel wie „Meuchelmörder“, auf unseren Straßen treiben sie ihr Unwesen allerdings in aller Offenheit mit amtlicher Unterstützung. Vielleicht wirft BMW mal ein Modell „Haarmann“ auf den Markt, das Vorbild brachte allerdings nur 24 Menschen um die Ecke. Audi trifft mit dem Schlagring auf dem Kühlergrill wiederum den Nagel voll auf den Kopf.
    Ob der deutsche Schlafmützenträger durch unnötigen Lärm oder unnötige Vergiftung (z. B. Glyphosat) beeinträchtigt wird, scheint ihm egal zu sein. Sonderbarerweise treibt die „Schädigung“ durch „Migration“ mehr Leute auf die Straße als existenzielle Fehlentwicklungen. Es wird Zeit, dass Menschen, denen das „Wohl des Volkes“ am Herzen liegt, Entscheidungsbefugnis bekommen, aber das wird noch eine schwere Geburt.

  3. Hedi M. sagt:

    Das Baden-Württembergische Umweltministerium hat auch schon nachgemessen 2016. Mit ähnlichen Ergebnissen, allerdings damit unter der Decke gehalten. Dann hiess es nur „Zulassung bildet die tatsächliche Lärmentwicklung nicht ab“ oder so. Es ist unsäglich, wie langsam hier alles geht, was die Fahrzeugindustrie so anrichtet.

  4. R.R. sagt:

    Ich komme aus der Gegend von Heilbronn. Audi Mitarbeiter haben hier einen extrem schlechten Ruf bei haushaltsnahen Dienstleistungen und Handwerkern. Völlig uncharmante, großkotziges Volk. Das gibt ein rundes Bild: Der Laden hat so ziemlich bei jedem Umweltskandal rund um den Fahrzeugverkehr die dreckigen Finger drin. Gibt’s eigentlich Vorsprung durch Technik(Tricks) noch?

    • Frank sagt:

      „Missbrauch durch Technik!“

      Anders kann man die Situation kaum beschreiben. Wenn Audi die Speerspitze des deutschen Ingenieurwesens darstellt, dann schäme ich mich dafür, Ingenieur zu sein.

      • Rainer Rau sagt:

        Bitte nicht immer nur auf die Deutschen. Ich verstehe Sie absolut, weil deutscher Erfindungsgeist und Technik schon einmal etwas Besonderes WAREN, aber jetzt hält im Entwickeln von Unsinn der Rest der Welt tapfer mit. Industrie und Wirtschaft haben mittlerweile das Sagen, und zwar international. Da ist schwer wieder rauszukommen, falls doch, werden die notwendigen Änderungen für die meisten katastrophal. Ich habe keine öffentlichkeitsfähige Idee, wie man die jetzigen Lärmer, Raser, Verpester und Verschwender ruhig halten soll, falls ihre Spielzeuge nicht mehr benutzt werden dürfen. Dann wird die Schuld nicht bei den Verursachern der Missstände, sondern bei den Beseitigern gesucht. Wenn die, die sich jetzt schon derart daneben benehmen, sich ungerecht behandelt fühlen – ich will es mir nicht vorstellen. Im Fernsehen kam eine Reportage über Gerichtsurteile bei Rasern, die Menschen umgebracht haben. Beim Wahrnehmen der Gruppierungen um Motorwahnsinn und deren Sprüchen wird einem Angst und Bange. Was sich so lange und in solcher Masse unter der schützenden Hand der Regierung fehlentwickelt hat, ist nicht kurzfristig in Ordnung zu bringen. Wohlstandsverwahrlosung!!

  5. Andi sagt:

    Hier wird schon seid Jahren gegen das Grundgesetz verstoßen, nämlich dass Recht auf Unversehrtheit. Schon Traurig und die Politik schaut zu und betreibt Arbeitsverweigerung endlich den Gesetzesmurks zu bereinigen.

  6. Maike sagt:

    @Andi
    Genau so sehe ich das auch!

  7. Petrus sagt:

    Zur BMW 9T ein journalistischer Erguß aus dem Motorradmagazin Roadster:

    „Wie er sich unter publikumswirksamem Trompetenschmettern wirkungsstark die lange Drehzahlleiter hochschnorchelt, dabei fast vibrationsfrei bleibt, sich mit gleichbleibender Macht punktgenau zusammenstauchen lässt und dann mit sattem Schmatz die Kurve durcheilt, das hat was. Umso mehr nach dem jüngsten Euro-4-Update“.

    Da steht jetzt, das auch nach Euro 4 das Trompetenschmettern geblieben ist. Und wie das geht, steht in der TAZ: Die Hersteller legen nämlich selber fest, ob ein Motorrad neu einer Typrüfung unterzogen werden muss. In diesem Falle war das gar nicht nötig, denn das Motorrad war ja laut genug für die Kundschaft. So laut wie 160 Motorräder, die dem Grenzwert entsprechen nämlich.

    • Reto sagt:

      Eben! Weiter unten stehts:
      Emotionen: Der reifste luft-/ölgekühlte Boxer ever mit der dynamischen Wucht einer Bowlingkugel, verpackt im klassischen ­Roadster-Chassis. Dazu ein Bomben-Sound und ein Komfort, der unseren Gebrechen gerecht wird. Dass wir das noch erleben dürfen …
      Ergo:
      Bomben-Sound und alles legal

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