Tag gegen Lärm: Initiativen vernetzen sich bundesweit

Vernetzt aktiv gegen Motorradlärm: Silent Rider, Initiative Motorradlärm Baden-Württemberg und VAGM e.V. kooperieren künftig gegen unnötigen Lärm. Holger Siegel, Edith Götz, Bärbel Lehmann, Heinrich Wenisch (VAGM e.V.) Karl-Heinz Hermanns, Marco Schmunkamp, Jochen Weiler (Silent Rider e.V.) und Sonja Schuchter (Initiative Motorradlärm). (von l. nach r., von o nach u.)

Problem erkannt – aber nicht gelöst:
Motorradlärm-Initiativen vernetzen sich zum Tag gegen Lärm bundesweit

Die Politik hat das Problem erkannt – aber das Problem ist weiter ungelöst. Auf diesen Punkt bringen es die bundesweiten Initiativen gegen Motorradlärm, die zum „Tag gegen Lärm“ am 28. April vereinbart haben, dass sie künftig intensiver zusammenarbeiten. Die drei größten Interessensvertretungen sind die Initiative Motorradlärm aus Baden-Württemberg, in der 158 Gemeinden und Landkreise vereinigt sind, dann Silent Rider mit Wurzeln in vielen Eifelgemeinden und Mitgliederschwerpunkten in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sowie die Anwohnerinitiative VAGM – Vereinigte Arbeitsgemeinschaft gegen Motorradlärm e.V., die bundesweit die Interessen von betroffenen Anliegern an Hotspots vertritt.

Gemeinden, Städte und ganze Landkreise begehren gegen das Problem Motorradlärm auf. Ja selbst der Bundesrat hat sich 2020 zu einer Empfehlung an die Bundesregierung bekannt, das Problem mit klaren Einschränkungen des Lärms an der Wurzel und deshalb beim Verursacher „leistungsstarkes Motorrad“ unter anderem mit einem echten Grenzwert anzupacken: „Es geht nicht gegen alle Motorradfahrer – aber es geht gegen die extrem lauten und davon gibt es zu viele,“ sagt Silent Rider Sprecher Karl-Heinz Hermanns. In vielen Städten und Gemeinden der Republik – vom Schwarzwald über die Eifel, dem Sauerland, dem Weserbergland bis ins Erzgebirge und in vielen Metropolregionen – belasten der laute Teil des Motorrad-Tourismus und speziell auch Raser mittlerweile Lebensqualität und Erholungswert ganzer Landstriche. Weit über 300 Motorradlärm-Hotspots deutschlandweit listet die Anwohnerinitiative VAGM e.V.

Tiroler Modell auch für Deutschland

Untersuchungen aus Tirol zeigen, dass die ganz lauten Fahrzeuge in puncto gesundheitsschädigender und belästigender Wirkung akustisch weit aus dem Normalverkehr herausragen. Die Tiroler haben deshalb die Reißleine gezogen und mit dem Tiroler Modell temporäre und auf bestimmte Straßen bezogene Streckensperrungen für besonders laute Kräder in der Saison eingeführt. „Das pragmatische Vorgehen unseres Nachbarlandes wurde mittlerweile von der EU abgesegnet. Wir sehen nun, dass es entsprechende Möglichkeiten für den Schutz der Anwohner an besonders belasteten Strecken gibt, was auch in Deutschland möglich sein sollte,“ sagt Sonja Schuchter von der Baden-Württemberger Initiative gegen Motorradlärm.

Mehrheit der Bürger offen für Fahrverbote

„Der Ball liegt eindeutig bei Politik und Behörden,“ sagt Holger Siegel, Sprecher der VAGM e.V. „Nachdem man uns jahrelang gepredigt hat, dass dies ein Problem auf EU-Ebene sei, hat die EU jetzt das Tiroler Modell gutgeheißen“. Nach 20 Jahren Kampf gegen den mutwilligen Lärm fordert er jetzt ein deutschlandweites Modell, das die Hersteller lauter Fahrzeuge auf zwei und vier Rädern unter Zugzwang setzt, aber auch den auffällig lauten Fahrzeugbestand angeht. Nach Messungen des Baden-Württembergischen Verkehrsministeriums müsse man davon ausgehen, dass ein Drittel aller Kräder akustisch stark auffällig ist – ein Vielfaches lauter als der aktuelle Grenzwert von 77 dB(A). Holger Siegel: „Die ganzen verständnisvollen Dialoge und Aktionen wie „Kaffee statt Knöllchen“ haben bisher nichts, bis wenig gebracht – wir brauchen eine Verbesserung für die Menschen an den Strecken“. Dabei sehen die Initiativen auch die öffentliche Meinung hinter sich: Im August 2020 hatte das Meinungsforschungsinstitut Civey im Auftrag des Nachrichtenmagazins Spiegel erhoben, dass eine große Mehrheit der Bundesbürger Fahrverbote für laute Motorräder gutheißt.

Zum Tag gegen Lärm haben die Initiativen eine Social-Media-Aktion „Zeig mir deinen Lärm“ ausgerufen: Anwohner sollen dabei in Kommentaren und Videos transparent machen, wie sie die Belästigung durch mutwillig laute Fahrzeuge erleben.

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Zu den Personen

Sonja Schuchter ist Bürgermeisterin der Gemeinde Sasbachwalden und spricht für die „Initiative Motorradlärm“, welche über 160 Städte, Gemeinden und Landkreise in Baden-Württemberg repräsentiert.

Karl-Heinz Hermanns ist Vorsitzender des Vereins „Silent Rider e.V.“ Er ist Bürgermeister a.D. der Eifelgemeinde Simmerath. Marco Schmunkamp ist Bürgermeister von Nideggen, Jochen Weiler ist Bürgermeister von Heimbach.

Holger Siegel ist Sprecher der Anwohnerinitiativen VAGM e.V. – Vereinigte Arbeitsgemeinschaften gegen Motorradlärm und Sprecher des Arbeitskreises Motorradlärm im Bund für Umwelt und Naturschutz, BUND. Edith Götz und Heinrich Wenisch sind Vorstandsmitglieder im VAGM Weserbergland, Niedersachsen, Bärbel Lehmann vertritt als Vorstandsmitglied im VAGM die Inititiative Müglitztal, Sachsen.

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14 Kommentare zu “Tag gegen Lärm: Initiativen vernetzen sich bundesweit
  1. Felix sagt:

    Tolles Tiroler Modell – Anwohner der betroffenen Strecken wurde de facto enteignet, da sie mit dem im Originalzustand befindlichen Motorrad nicht mehr auf der Straße fahren dürfen (Man hat hierfür eine Dezibel-Obergrenze des Standgeräuschs von 95 Dezibel gesetzt, die mit dem tatsächlichen Fahrgeräusch nicht vergleichbar ist).

    Alle Motorradfahrer werden hier über einen Kamm geschoren, ohne die individuelle Fahrweise zu betrachten.

    Es gibt ja durch diese Verbote nicht weniger Motorradfahrer, die ganze Thematik verlagert sich nur.

    Der nächste Schritt ist dann das Fahrverbot bestimmter Strecken für Autos über 100 PS? Oder ist da die Lobby zu groß und man traut sich nicht ran.

    • Reto sagt:

      Mein Mitleid mit +95 dB(A)-Pilot/innen hält sich in Grenzen. Vom Lärm werden die Anwohner defacto enteignet, sie müssen sich im Sommer in ihren Häusern verkriechen.

    • Walter Delfs sagt:

      Hallo Felix,
      dass sich das Mitleid von Reto in Grenzen hält, kann ich nachvollziehen. 95 dB sind aber schon eine ordentliche „Nummer“. Wobei ich sowohl Herstellern als auch Zulassungsbehörden ein gerütteltes Maß Schuld zuweisen möchte.
      Ich würde für generellen bestandsschutz plädieren ABER die Lärmwerte für Neufahrzeuge (Motorräder, PKWs, LKWs zbd Busse) drastisch senken. Was da geht, haben uns zuerst die Japaner mit Flüstermotoren schon vor 40 Jahren gezeigt. Wenn sich ALLE Hersteller an den niedrigen Obergrenzen für Neufahrzeuge halten müssen, dann ergibt sich das mit dem Lärmpegel im Zeitablauf.
      ALLERDINGS würde ich auch heute schon sehr genau hinschauen, wer wieviel unnötigen Krach macht. (Wie neulich der Motorradfahrer mit seiner Harley und dem auf Lärm gebürsteten Auspuff: der STAND doch tatsächlich vor der roten Ampel und musste mehrmals laut Gasgeben. Das war so laut, dass ich erstens Anzeige erstattet habe und zweitens am nächsten Tag zum Ohrenarzt gegangen bin. Ergebnisse: Anzeige komplett sinnlos. Technisch war das Motorrad angeblich in Ordnung. Mein Tinitus ist seither schlimmer geworden….) Und bei diesem unnötigen Krach sollte gnadenlos zugeschlagen werden. Strafen wie ab 500 Euro plus ggf. Beschlagnahme des Fahrzeugs halte ich in solchen Fällen für legitim.
      Die Erfahrung lehrt aber, dass das alles Wunschdenken ist. Solange ich lebe wird weiter gelärmt und geknattert. Mit Freiheit hat das m.E. nichts zu tun. Die Leute, die das machen, sind rücksichtslos und asozial.

  2. Felix sagt:

    Vielleicht sollten wir dann den Anwohnern auch grundsätzlich
    ..das schreiende Baby
    ..die spielenden Kinder
    ..den bellenden Hund
    ..den krähenden Hahn
    ..das Musik hören
    ..das Grillen
    ..das laute Auto
    ..das Rasenmähen und Heckenschneiden
    ..das Bohren und Handwerken
    ..beliebig erweiterbar

    verbieten, dann können alle Ihre wohlverdiente Ruhe genießen.

    Ironie bei Seite; solch pauschale Verbote sind m.E. nicht der richtige Weg. Es gibt wie überall im Leben verschiedene Interessensgruppen, die alle Ihre Daseinsberechtigung und Bedürfnisse haben. Den besten Kompromiss findet man immer noch am runden Tisch und nicht mit einseitigen Verboten.

    • Reto sagt:

      Was soll denn am runden Tisch diskutiert werden, was Ihrem Lärmbedürfnis gerecht wird?
      Woher nimmt Ihre Interessensgruppe das Recht, andere Menschen zu belästigen und zu schädigen?

    • Reto sagt:

      Ihre Aufzählung ist keine Ironie, sondern Whataboutism vom Schlage „da könnte man ja alles verbieten“. In Österreich wurde das untersucht, nichts von dem was Sie aufzählen, hat den gleichen Belästigungsfaktor wie Ihr Hobby. Schlagen Sie mal einen Kompromiss vor? Wie möchten Sie den Menschen entgegenkommen, die an diesen Strecken wohnen und ab 12 Grad Umgebungstemperatur permanent „von den Bedürfnissen anderer“ belästigt und krank gemacht werden?

  3. Walter Delfs sagt:

    Zitat aus einer Veröffentlichung im Internet:
    „Wie laut darf mein Auto sein? Je mehr Motorleistung euer Auto hat, desto lauter darf es auch sein. Aktuell dürfen Fahrzeuge laut Straßenverkehrszulassungsordnung zwischen 72 und 75 Dezibel laut sein. In den nächsten Jahren wird dieser Wert schrittweise dann auf 68 bis 72 dB reduziert. Dabei genießen jedoch Altfahrzeuge Bestandsschutz.“
    Eine Kreissäge kommt mit 100 DB daher. Ein startender Jet mit 120 DB. 95 DB für ein Motorrad finde ich schon heftig und technisch komplett unnötig.
    Einfach ab morgen Neuzulassungen für Motorräder, die lauter als 80 dB sind verbieten – und das Ganze überwachen. Fertig. Und gleichzeitg auch die Macho-Schleudern mit 8 Zylindern, die auch nicht leise sind, entsprechend nicht mehr zulassen.
    Es ist dann immer noch laut genug….

  4. Hamburger sagt:

    Du meine Güte, warum wird hier mit den rücksichtslosen und wahrlich asozialen Krachmachern überhaupt noch eine Minute lang diskutiert. Die Zeit und Energie sollte lieber dafür aufgewendet werden, massiven Druck auf die politischen Schnarchnasen aller Ebenen auszuüben, bis endlich wie in Tirol konsequent gehandelt wird, und zwar flächendeckend. Damit dieser Motorrad-Irrsinn endlich beendet wird. Die Raucher haben uns auch jahrzehntelang vergiftet und irgendwas von Freiheit gefaselt. Denen hat man schließlich auch einfach das STOP Schild vor die Nase gesetzt und keine steuerfinanzierten Displays, wo drauf steht: „Bitte, wenn es irgendwie möglich sein sollte, rauchen Sie nur an dieser einen Stelle hier vielleicht unter Umständen ausnahmsweise mal ein bisschen weniger, das wäre außerordentlich nett von Ihnen! Vielen Dank schon mal, Ihr unterwürfigstes Lungenkrebsopfer“.
    Im Prinzip sind wir es selber schuld, dass wir diesen Lärmterror seit Jahrzehnten meistens achselzuckend über uns ergehen lassen. Man sieht ja nun, dass schnell was in Bewegung kommt, sobald sich Netzwerke bilden und Widerstand leisten. In diesem Land heißt Freiheit halt immer noch vor allem auch die Freiheit, andere zu belästigen und zu schädigen, die Umwelt zu verschmutzen, den Planeten vor die Wand zu fahren und das am Ende ganz dufte zu finden mit dem Argument: „Warum denn nicht, Kinder machen doch auch Lärm!“ Mit solchem argumentativen Dünnschiss kann man sich doch nicht ernsthaft mehr auseinander setzen!

    • pelkum sagt:

      @Hamburger

      Bravo…dem ist nichts mehr hinzuzufügen.

    • Mathias sagt:

      Lieber Hamburger, sehr gut !
      Herzlichen Dank für diesen Kommentar. Er trifft die Situation 100%.
      Ja, wir brauchen unsere Energie absolut für unsere Sache und nicht dafür geistigem Dünnpfiff (Felix) auch noch die Zeit zu schenken, diesen zu kommentieren. Einfach ignorieren diesen Mist.
      „Lärmdisplays“ und auch „Lärmschutzbeauftragter“ sind „weiße Salbe“ für ein Problem, das grundsätzlich angegangen werden muss! Siehe Rauchverbot.
      Leider schaffen es sogar die Grünen in ihrem aktuellen Wahlprogramm nicht, das Thema Lärm oder sogar Motorradlärm anzusprechen, geschweige denn Lösungen aufzuzeigen! Wo ist da unser Lärmschutzbeauftragter BaWü Thomas Marwein? Ich bin selbst Mitglied der Grünen, habe ihn mehrmals zu dem Thema angeschrieben, keine Reaktion. Haben die Grünen schon vor der Wahl die Hosen voll als „Verbotspartei“ gesehen zu werden.

  5. Rainer Rau sagt:

    Seitens der Raser- und Lärmerfraktion werden die Grünen mit Sicherheit KEINE einzige Stimme verlieren, die Angst wäre unbegründet.
    Ich kann verstehen, dass zur Zeit andere Probleme priorisiert werden, aber der mutwillige bösartige Verkehrslärm hätte gar nicht erst entstehen dürfen und könnte schon seit vielen Jahren beseitigt sein.

    • Frank sagt:

      Ich bin viel in sozialen Medien unterwegs. Ich schaue mir regelmäßig an, wer beispielsweise die Leute von Silent Rider bei Facebook beleidigt und beschimpft. Mit schöner Regelmäßigkeit kann man im Profil dieser Leute die Likes für AFD feststellen. Schaut man danach noch die jeweils veröffentlichten Beiträge an, findet man sehr häufig Verschwörungserzählungen, Antisemitismus oder Corona-Leugnung.

      Gesellschaftlicher Bodensatz. Gesellschaftlicher Abschaum.

      DAS ist das asoziale Pack, das uns alle so zudröhnt. DAS sind die Leute, die Hersteller als Zielgruppe für absichtlich laut gemachte Fahrzeuge identifiziert haben. DAS sind die Leute, die Herr Scheuer und andere Lärm-Leugner schützen!

      • Rainer Rau sagt:

        Zustimmung im Großen und Ganzen, aber es gibt einen nicht unbeträchtlichen Anteil, deren Rechenleistung für die von Ihnen beschriebenen Aktivitäten nicht oder nicht mehr ausreicht. Da dreht sich alles NUR noch um Rasen und Lärmen, gerade prollte wieder so eine Bande vorbei.

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