Faktencheck – so funktioniert der Betrug mit dem Klappenauspuff

Der Aufkleber am Rahmen einer Ducati zeigt, wie offensichtlich der Betrug ist. Hier werden die Werte erklärt.


Es handelt sich hier um einen Zulassungs-Aufkleber am Motorradrahmen einer Ducati Panigale, die nach Euro 3 typzugelassen wurde. Also vor 2016; es gilt der „Grenzwert“ = 80 dB(A). Die neuere Euro 4 (seit 2016) ist ein bisschen anders – aber nicht wesentlich strenger. Derselbe Mumpitz – eben bei 78 dB(A)…

Selbstauskunft

Auf dem Kleber steht folgendes drauf. Unterer Wert: Die Ducati war im Testzyklus auf dem Firmengelände in Bologna 79,5 dB(A) laut – sagt der Hersteller. Unter 80 dB(A) = bestanden. Sogar übererfüllt!!!!
Reine Selbstauskunft ;-) – reicht. Das Fahrzeug musste dazu nicht beim TÜV-Italia (wenn es so etwas gibt) vorgefahren werden.
Ach ja: Sie hat übrigens einen Klappenauspuff, die Ducati. Das ist eine Abschaltvorrichtung wie beim Dieselskandal. Die Lärmschutzwirkung des Auspuffs wird zugeschaltet, wenn der Prüfzyklus erkannt wird und sie deshalb gebraucht wird. Im Alltagsbetrieb schaltet die Auspuffklappe auf (lauten) Durchzug. Modernes Emissionsmanagement im Stile der Fahrzeugindustrie. Konstatiere: Jetzt ist die Krachmaschine zugelassen und nach Rechtslage für alle Zeiten im Verkehr.

Verkehrskontrolle

Wenn einem Polizisten das Fahrzeug als irrsinnig laut auffallen sollte (was es ist), kann er es kontrollieren. Er sucht diesen Aufkleber oder er kann im Fahrzeugbrief nachsehen. Dort steht das gleiche.

Dann kann er im Zweifelsfall einen Fahrgeräuschtest veranlassen und das Fahrzeug muss dann im 3. von sechs Gängen mit 36,6 km/h (das steht in der nächsthöheren Zeile des Aufklebers) auf einer Teststrecke ohne Häuser und mit sauberem Asphalt beschleunigt werden. Zu diesem Messzeitpunkt machen die Auspuffklappen das Motorrad unter 79,5 dB(A) „leise“.
Sie merken was? Das ist ein 300 km/h schnelles 195 PS Motorrad, das mit 36,6 km/h im dritten Gang durch die Zulassung geschoben wurde. Dieser Betriebszustand kann in der Praxis für eine Motorsteuerung leicht erkannt werden, denn außer im Prüfzyklus wird das Bike so sonst nieeeeeee bewegt. Politiker bewerten dieses Verfahren gerne als „nicht realitätsnah“. Man könnte auch arglistige Täuschung, Betrug oder Poltik-/Volksverdummung dazu sagen.

Stand“geräusch“

Weil die Kontrolle des Fahrgeräusches sehr aufwändig und teuer ist, wenn er gerichtsverwertbar sein soll, haben sich die „interessierten Kreise“ des Normenausschusses schon vor einem halben Jahrhundert einen zweiten „Test“ mit einem Referenzwert überlegt. Vorsicht: Jetzt wird’s kompliziert und komplett Balla Balla. Dazu gibt es einen zweiten Wert, das sogenannte Standgeräusch (auf Aufkleber zweite Zeile von oben).
Das ist nur ein Referenzwert. Der Hersteller attestiert sich wieder selbst, dass dieser Wert ab Werk zum Fahrgeräusch passt. Hier könnte auch 160 dB(A) stehen – er ist ja „nur“ der Vergleichwert für den anderen Wert. Die Normenkommission hat sich bis heute nicht entblödet, hier auch nur einen Maximalwert abzustecken. Diesen Wert meinen Motorradfahrer, wenn sei sagen: „Meine hat 108 dB eingetragen.“ Ducati sagt damit: Wir haben das normgerechte Krad nach dem bestandenen Zulassungs-Test (Fahrgeräusch) auf den Ständer gestellt und diesen Wert gemessen. Weil die beiden Werte zusammenpassen (Referenz) bürgt das laute Standgeräusch für das (bereits klappen-manipulierte) Fahrgeräusch. Dabei wird davon ausgegangen, dass bei einer Manipulation durch den Besitzer dieser Wert noch lauter wird.

Dieser Standgeräusch-Wert wurde von Ducati in unserem Beispiel bei 107 dB(A) und 6500 U/min Motordrehzahl eingetragen.
So laut ist das Motorrad wirklich?
Fast!

So laut ist die Ducati, wenn Sie sie auf den Ständer stellen und am Gas drehen bis der Drehzahlmesser 6500 U/min zeigt. Das ist der übliche Test in solchen Fällen am Straßenrand. Schräg versetzt hinterm Auspuff wird gemessen. Achtung: Jetzt gibt es noch eine „Toleranz“ von 5 dB(A). 5dB(A) ist 50 bis 100 Prozent lauter. Ein Irrsinns-Zuschlag = 100 % Toleranz gegenüber den Belästigern und der Fahrzeugindustrie.

Schmerzgrenze!

Was bedeutet der Wert „Standgeräusch“: Weil der Hersteller (sic!) sich selbst bestätigt hat, dass das Standgeräusch zum Fahrgeräusch passt und das Fahrgeräusch zur Norm, sind diese 107 dB + 5 dB Toleranz = die Schallmauer bei der Kontrolle an der Straße.

In der Praxis: Das Fahrzeug kann sicher nur dann beanstandet werden, wenn der Polizist mehr als 112 dB(A) misst. Denn dann fallen die Werte rückwärts um wie beim Domino und eine Manipulation durch den Besitzer ist zu vermuten. Mehr „Standgeräusch“ eintragen ist im Zweifelsfalle also besser für Ducati, damit der Kunde stets ungehindert weiterfahren darf. Idiotisches Verfahren. Wird von der Polizei (sic!) seit 40 Jahren folgenlos kritisiert…

Physik: Eine Pegeländerung des Schalls zwischen 6 und 10 dB entspricht etwa der Verdopplung der empfundenen Lautstärke (Logarithmus-Skala). 107 dB ist rund 8 Mal lauter als der Euro 3-Wert von 80 dB(A), der als Grenzwert suggeriert wird.

Und jetzt kommt’s: Eine Ducati Panigale dreht in der Praxis nicht „nur“ 6500 Umdrehungen auf dem Ständer, sondern max 10.750 U/min, um 195 PS zu entfesseln. Wir haben hier also ein Renn-Motorrad, das den 80 dB-„Grenzwert“ bei 36,6 km/h einhält. Laut Ducati. Und wenn der Fahrer am Ortsausgang den Hahn aufreißt, sind wir in der Praxis schnell bei echten 120 dB(A). Das ist die Schmerzschwelle und 16 Mal lauter als die Norm. Und trotzdem von der Polizei nicht zu beanstanden, was dann auch im Polizeibericht steht.

Zum Klappenauspuff der Panigale (sie stammt aus dem Hause Audi, denn die Diesel-Schummelbude aus Ingolstadt betreibt den italienischen Hersteller Ducati) schreibt die Zeitschrift Motorrad (die ist nicht verwandt, nicht verschwägert mit dem BUND): „Bei neueren Ducati-Testmaschinen fiel auf, dass die Klappe sich im Alltag nun offensichtlich gar nicht mehr schloss. Die Panigale war einfach immer brüllend laut“.

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23 Kommentare zu “Faktencheck – so funktioniert der Betrug mit dem Klappenauspuff
  1. Stephan Weiser sagt:

    ENDLICH nimmt mal jemand die wahr Ursache ins Visier!!

    Es sind nicht DIE Motorradfahrer und ALLE Motorräder!
    Es sind dies verfluchten Klappenanlagen, die ich als Besitzer eines solche Modells auch verfluche!!
    Ich würde auch heute noch sofort einen Ausbau vornehmen, wenn es einen Auspuff gäbe, der immer leise ist. Gab es ja mal!
    Man kann auch ohne Klappenauspuff 200 PS aus einem Motorrad zaubern. Aber dieser Mist wird heute von allen großen Herstellern verbaut und DARUNTER leidet die Bevölkerung!
    Nicht unter „den Motorrädern“ sondern unter den Motorrädern die bewusst einen infernalischen Lärm produzieren ohne Nutzen! Nur aus Marketing-Gründen! Ich habe fünf Motorräder, eines davon mit dieser blöden Klappe! Ich werde nie wieder so ein Fahrzeug kaufen, nicht mit zwei und auch nicht mit vier Rädern. Klappenauspüffe gehörne verboten! Sofort und ausnahmslos!!

    • Kerstin sagt:

      Na gut, dann sind es halt 2/3 – Sie mit Ihrem Fahrzeug inklusive!

    • Matthias sagt:

      Vielen Dank für diese unverblümte Antwort, der ich völlig zustimmen kann. Es stimmt, es gibt die leisen Motorradfahrer. Ich bin immer wieder überrascht, wie leise diese Fahrzeuge unterwegs sein können. Wären alle so, dann gäbe es diese Seite sicher nicht.

      Sie haben außerdem etwas anderes wichtiges gesagt:
      „Ich werde nie wieder so ein Fahrzeug kaufen, nicht mit zwei und auch nicht mit vier Rädern. Klappenauspüffe gehörne verboten! Sofort und ausnahmslos!“

      Denn auch vierrädrige Fahrzeuge setzen zunehmend auf infernalischen Krach. So sind besonders die Fahrzeuge aus den Tuning-Abteilungen der Hersteller („AMG“, „M“, „RS“, etc.) nicht nur eine Ode an den schlechten Geschmack, sondern vor allem auch ein Angriff auf die Gesundheit von Millionen Straßenanlieger in Deutschland.

      Denn nachts reicht ein einziges mit Klappenauspuff ausgerüstetes Fahrzeug aus, um tausende Menschen aus dem Schlaf zu reißen!

      Diesem Problem sollte sich die Politik schnellstmöglich vollumfänglich widmen. Anstatt bröckchenweise immer nur halbgare Kompromisse anzubieten, die lediglich einen zufriedenstellen – die Autolobby.

  2. Ellenbogenschleifer sagt:

    Sehr geil!

    Danke für den Hinweis;
    Weiß nun endlich genau was ich als nächstes Bike kaufen werde!

  3. Hubertus Ulsamer sagt:

    Ich hänge, zum Vergleich, mal eine Arbeitsschutztabelle an.
    Damit man die Lautstärke einsortieren kann:

    https://www.hug-technik.com/inhalt/ta/schallpegel_laermpegel.html

  4. Rainer Rau sagt:

    Abgasemissionen, Nitrat im Trinkwasser, Hormonrückstände im Fleisch, Schwermetalle in Lebensmitteln, Verkehrslärm allgemein und in besonderen Fällen…
    Vielleicht kennt jemand gesetzliche Regelungen, die den Schutz der Bevölkerung und nicht den der Industie und Wirtschaft zum Ziel haben. Ich sehe es hoffentlich nicht zu schwarz, aber die Realität macht nicht optimistisch.

    • Der Redakteur sagt:

      Die Politik vor und nach Corona: Kaufen und die Fresse halten! Jetzt gibt’s übrigens ein weiteres Argument für weniger Fleisch, neben der elenden Massentierhaltung – die Massenmenschhaltung in den Fleischfabriken.

  5. Riversong sagt:

    Polemischer Artikel voller Halbwahrheiten. Ein Klappenauspuff bzw. die dazugehörige Elektronik erkennt mitnichten, ob gerade ein „Testlauf“ stattfindet, er schaltet lediglich abhängig der Drehzahl bzw. Gasgriffstellung. Das mit einer tief ins Fahrzeug integrierten, hochgezüchteten und intelligenten „Schummelsoftware“ zu vergleichen ist gelinde gesagt absurd, was recht einfach an der Tatsache zu erkennen ist, dass die Funktionsweise eines solchen Systems weder ein Geheimnis noch dem Gesetzgeber unbekannt ist. Oft ist da gar keine Software, sondern ein rein mechanisches System im Einsatz. Die Klappen dienen außerdem nicht einmal nur dem Lärmschutz, sondern erhöhen durch Abgasgegendruck den Drehmomentverlauf des Motors, erzeugen also höhere Leistung bei geringerer Drehzahl, und Drehzahl ist bekanntlich der Lärmtreiber Nr. 1. Statt also gemütlich und mit geschlossener Klappe im 5. Gang tuckern klappenlose Motorräder dann halt im 3. deutlich lauter durchs Dorf. Ist das besser?
    Das hier vor allem einige italienische Hersteller gerne über die Stränge schlagen ist mir bewusst und das sollte auch sanktioniert werden. Wer denkt, die Motorradwelt wäre ohne Klappensysteme leiser unterwegs hat jedoch die Funktionsweise nicht begriffen.

  6. Thierry sagt:

    Hallo Armin,
    Vielen Dank für den Eintrag !
    Ich dachte aber, dass die Tests, auch vor 2016, mit einer Geschwindigkeit von 50 Km/St durchgeführt wurden. Mich wundern diese 36,6 Km/St. War das so vor 2016 ?
    Danke !
    Thierry

    • Der Redakteur sagt:

      Hallo Thierry,
      Die Maschine fährt mit 36,6 km/h im dritten Gang in die Prüfstrecke ein und wird dann stark beschleunigt. Gemessen wird später…
      Das besondere daran ist, dass dieses Motorrad so untertourig sonst nie, nie, nie gefahren wird. Dieses Beschleunigungsmuster (3. Gang, 36,6 km/h) kann die Motorelektronik eindeutig als „Testsituation) erkennen.

  7. Johannes sagt:

    In der Sache ist die Kritik berechtigt, aber mit weniger Schaum vorm Mund sollte man mal feststellen, dass das Standgeräusch aus 50 cm Entfernung gemessen wird, das Fahrgeräusch aber aus 5 Meter Entfernung. Durch die 10fache Entfernung reduziert sich der Schalldruck erheblich, genau gesagt um 20 dB. Und niemand hat in der Praxis den Kopf 50 cm neben dem Auspuff eines Motorrads, das mit halber Nenndrehzahl läuft.

    • Reto sagt:

      In der Sache ist die Kritik berechtigt, aber…

    • Rainer Rau sagt:

      Selbst bei dem neuen Wissensstand nach Ihrer Erläuterung sind viele Motorräder incl. ihrer Fahrer eine Katastrophe.

      Am Wochenende hatten wir unsere Köpfe hinter geschlossenen Lärmschutzfenstern – zwecklos!

      Man kann das asoziale Verhalten, um das es hier geht, nicht schönreden und schönmessen. Nochmal: Einige können fahren, ohne irgenwie aufzufallen, aber die haben wohl einen normal entwickelten Charakter.

      • Wolfgang Zeiß sagt:

        Dieser Kommentar bringt es auf den Punkt. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

        Um Spaß beim Motorradfahren zu haben, brauche ich weder diese Poserallüren noch muss ich wie ein verkappter Rennfahrer über unsere Straßen heizen …

  8. Andre Weis sagt:

    Ich kann das jammern über den „Motorradlärm“ nicht mehr ertragen.
    Der Rest (Forderung von Toleranz gegen Motorradfahrer, Whataboutism und „dann könnte man ja alles verbieten“) wurde aus Lästigkeitsgründen gestrichen. von wegen freies Land ! anstatt leben und leben lassen bilden sich manche ein sie hätten den ein oder anderen vorzuschreiben was sie tun und zu lassen haben.
    Heute sind es die Motorräder morgen die Oldtimer, oder zu laut spielende Kinder wenn ihr auf verbote steht dann zieht nach Nordkorea.
    Was dem einen stress ist dem anderen pures vergnügen.
    Z.B Heavy metal musik ich fürchte die wird auch bald verboten zusammen mit dem Alkoholausschank nach 22 Uhr. wir sind auf einem super weg !!!! Eine Nation von besserwissenden nörglern

2 Pings/Trackbacks für "Faktencheck – so funktioniert der Betrug mit dem Klappenauspuff"
  1. […] Gemeindevertreter verstehen, dass der Lärm unnötig und betrügerisch manipulierend erzeugt wird (mehr dazu hier). Mit dabei sind viele Gemeinden, die zwar auch vom Tourismus leben, aber denen die Belästigung […]

  2. […] perfide Beispiel der Ducati Panigale (bitte hier nachlesen) zeigt, wie blödsinnig die Lärmindustrie von Audi (Ducati), BMW (BMW Motorrad), Porsche (Hans […]

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